Wie entwickeln sich Frühgeborene langfristig?
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Frühchen – die langfristige Entwicklung

Normalerweise sollte ein Baby nach etwa 38 bis 42 Schwangerschaftswochen zur Welt kommen. Dann ist seine Entwicklung im Mutterleib abgeschlossen. Babys, die zu früh auf die Welt kommen, brauchen Zeit, um das Versäumte nachzuholen. Sie sind vier, sechs oder sogar noch mehr Wochen jünger als andere Kinder, die termingerecht geboren wurden – und das macht am Anfang des Lebens eine Menge aus. Jeder einzelne Tag im Schutz der Gebärmutter ist wichtig für die Entwicklung des Babys. Dort können wichtige Entwicklungsprozesse des Gehirns besser stattfinden als im Brutkasten auf einer Intensivstation.

Um die körperliche (und später geistige) Entwicklung der Frühgeborenen besser einschätzen zu können, gibt es das "korrigierte Alter". Dafür zieht man die Zeit von der tatsächlichen Frühgeburt bis zum ursprünglich errechneten Geburtstermin vom Lebensalter ab. Wenn ein Baby also fünf Wochen zu früh auf die Welt gekommen ist, hat es acht Wochen nach seiner Geburt erst das Lebensalter von drei Wochen erreicht - und ist deshalb mit reifgeborenen dreiwöchigen Neugeborenen in seiner Entwicklung vergleichbar.

Hier finden Sie die Vergleichswerte:

Das „korrigierte Alter“ hilft Frühgeborenen-Eltern zu verstehen und ihrer Umwelt zu erklären, warum ihr Baby noch so klein ist und bestimmte Meilensteine (Köpfchen heben, greifen, krabbeln usw.) noch nicht erreicht hat. Und ganz gelassen bleiben: Selbst bei Korrektur des Lebensalters können sich Frühgeborene immer wieder vorübergehend langsamer entwickeln - und später wieder aufholen.

Frühchen sind nämlich keineswegs Spätentwickler. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich gesunde Frühgeborene normalerweise im selben Tempo entwickeln wie um den Termin geborene Kinder. Die Entwicklungsschritte finden nur um so viele Wochen später statt, wie sie zu früh zur Welt kamen. Sie krabbeln, so wie andere Kinder auch, durchschnittlich mit sieben bis acht Monaten - nach korrigiertem Alter - und laufen mit etwa 12 Monaten.

Dennoch ist es gerade bei Frühchen wichtig, ihre altersgerechte Entwicklung immer wieder zu überprüfen, damit man sie mit geeigneten Therapiemassnahmen fördern und allfällige Defizite rechtzeitig ausgleichen kann. Verpassen Sie bitte keinen der Vorsorgetermine!Die Untersuchungen sollten bei Frühgeborenen immer entsprechend des tatsächlichen Geburtstermins gelegt werden, wie bei anderen Kindern auch. Beurteilt wird das Kind dann allerdings nach seinem korrigierten Alter.

Wie gut sich ein Kind entwickelt, hängt - abgesehen vom Geburtstermin - noch von weiteren Faktoren ab:

  • Ob es zum Zeitpunkt der Geburt altersgemäss entwickelt war oder ob es für die entsprechende Schwangerschaftswoche schon zu klein war (intrauterine Wachstumsverzögerung).
  • Ob es gleich nach der Geburt optimal versorgt werden konnte (d.h. in einem Perinatalzentrum geboren wurde)
  • Ob es Komplikationen gab, wie z.B. eine chronischen Lungenerkrankung (bronchopulmonale Dysplasie)
  • Ob es durch erfahrene, auf Neugeborene spezialisierte Kinderärzte nach der Entlassung aus dem Spital qualifiziert weiter betreut wird
  • Ob es Eltern hat, die es geduldig fördern, regelmässig Therapien besuchen, Arzt- und Kontrolltermine bei Fachärzten wahrnehmen.

Wie lange dauert es, bis ein Frühgeborenes den Rückstand aufgeholt hat?

Was die Zukunft wirklich bringt, lässt sich auch bei Frühgeborenen, die sich gut entwickeln, nur schwer vorhersagen. Aber im Durchschnitt haben Frühgeborene nach etwa zwei Jahren in der körperliche Entwicklung aufgeholt. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich kein grosser Unterschied mehr zu anderen Kindern feststellen.

Bei der sprachlichen und geistigen Entwicklung muss man mit etwas mehr Zeit rechnen, etwa drei Jahre. Statistisch haben Frühgeborene im Vergleich zu reif geborenen Kindern etwas häufiger Schulprobleme wie z.B. Lernstörungen wie Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen. Der Intelligenzquotient bei Frühgeborenen liegt statistisch leicht unter dem anderer Kinder. Ausserdem neigen zu früh geborene Kinder eher zu einem Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS mit oder ohne Hyperaktivität), Sprachstörungen und Koordinationsstörungen (Dyspraxie). Interessant: Knaben haben doppelt so häufig Probleme. Das mag an der unterschiedlichen zeitlichen Gehirnentwicklung bei Knaben und Mädchen liegen, ähnlich wie in der Pubertät.

Kinder mit sehr geringem Geburtsgewicht (unter 1.500 Gramm) werden wahrscheinlich über einige Jahre kleiner als ihre Altersgenossen sein. Manche bleiben sogar ihr ganzes Leben lang klein. Bei einer deutlichen Wachstumsverzögerung können evtl. Hormonbehandlungen helfen. Bei diesen „extremen“ Frühgeborenen steigt auch das Risiko für Sehstörungen (egal ob zusätzlich eine Frühgeborenen-Retinopathie auftritt oder nicht) und Hörprobleme sowie für eine minimale zerebrale Dysfunktion (MCP) bzw. zerebrale Störung.

Die soziale Entwicklung von Frühgeborenen

Früh geborene Kinder sind oft kleiner als Gleichaltrige, werden in den ersten Lebensjahren häufiger krank und die Sorge der Eltern ist bisweilen gross. Gerade beim Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule zeigt sich oft, wie tief die ausgestandene Angst und die Sorge um das Kind sitzen. Das Loslassen fällt besonders schwer.

Das kann dazu führen, dass ein überbehütetes Kind bald eine besondere Rolle innerhalb der Familie innehat und die Familienmitglieder herumkommandiert. Verlässt solch ein Kind jedoch den geschützten Raum, fällt es ihm schwer, dieses selbstbewusste Verhalten in fremder Umgebung umzusetzen. Es muss - spätestens im Kindergarten - erst mühsam lernen, mit anderen Kindern gleichberechtigt umzugehen und zu akzeptieren, dass es keine Sonderstellung einnimmt, nur weil es zierlicher und kleiner als andere ist.

Newsticker

Frühchen-Entwicklung | 13.08.2017

Etwa eins von zehn Babys kommt vor der 37. Schwangerschaftswoche als Fühgeborenes auf die Welt - je früher, umso grösser ist sein Risiko, mit einem Hirnschaden ins Leben zu starten. Da ihre Lunge noch nicht vollständig entwickelt ist, können Frühgeborene oft nicht richtig atmen. Zudem können die zarten Blutgefässe, die das unreife Gehirn mit Sauerstoff versorgen, leicht reissen – es kann zu Hirnblutungen und Sauerstoffmangel kommen. Eine von kanadischen Wissenschaftlern entwickelte Methode kann nun Hinweise liefern, ob das Frühgeborene eine geistige oder Bewegungsstörung entwickeln könnte: Ein für das Kind völlig unschädlicher Hirn-Scan (Magnetresonanztomografie, MRI) zeigt bestimmte Veränderungen im Gehirn. Entwicklungsstörungen können so früher erkannt und möglicherweise erfolgreich behandelt werden.

Letzte Aktualisierung : 23-11-16, BH

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