Baby sitzt im Einkaufswagen in der Gemüseabteilung
Erziehung | Kind | Kolumne

Nur eine kleine Banane, bitte

Sehr geehrte Grossverteiler

Bitte nehmen Sie es mir nicht krumm, wenn ich meine swissmom-Kolumne dazu missbrauche, mit einem Wunsch an Sie heranzutreten. Ich hätte nämlich gerne eine Banane. "Kein Problem", werden Sie sagen. "Gehen Sie einfach in unsere Früchte- und Gemüseabteilung, dort bekommen Sie alles: Herkömmliche Bananen, solche aus fairem Handel, Babybananen, Kochbananen - was auch immer Sie wünschen." Leider muss ich Ihnen aber sagen, dass ich die Banane, die ich mir wünsche, in Ihrem Sortiment nicht finden kann. Sie soll nämlich gut gereift sein, vielleicht schon mit ein paar braunen Flecken gezeichnet... "Schauen Sie doch mal im Korb mit der reduzierten Ware nach", unterbrechen Sie mich. "Dort hat's meistens solche Bananen." Leider ist aber auch damit mein Wunsch nicht erfüllt. 

Ich möchte nämlich gerne eine Banane, wie man sie in Schweden fast in jedem Supermarkt bekommt. Eine Banane, die nach Ladenschluss wohl im Abfall landen würde, die aber noch längst zum Verzehr geeignet ist und darum allen Kinder unter 15 Jahren, die in Begleitung einer erwachsenen Aufsichtsperson im Laden sind, gratis angeboten wird. Zwei Regeln nur müssen die Kinder befolgen: Sie müssen die Frucht im Laden essen und sie müssen die Schale brav im dafür vorgesehenen Abfalleimer entsorgen. Ganz einfach also, aber sehr wirkungsvoll. 

Wie, Sie verstehen nicht, was daran so wirkungsvoll sein soll? Nun, vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, wie hungrig Kinder - Teenager übrigens eingeschlossen - werden, sobald die einen Supermarkt betreten. Plötzlich wollen sie alles Essbare haben und je kleiner sie sind, umso grösser ist das Geschrei, wenn sie nicht sofort essen dürfen, was Mama oder Papa in den Einkaufswagen legt. Dann geht es los mit den leidigen Diskussionen. "Nein, mein Schatz, wir müssen zuerst bezahlen..." - "Ich will aber jetzt sofort!" - "Das geht leider nicht, Liebes. Die Frau an der Kasse wird ganz böse wenn..." - "Ich bin aber soooooo hungrig!" - "Wenn du nicht sofort aufhörst..." - "IIIIIIICH WIIIIIIILLLL JEEEETZT!!!" Spätestens an diesem Punkt wird sich irgend ein selbst ernannter Erziehungsexperte in die Angelegenheit einmischen und es wird nicht mehr lange dauern, bis Mama oder Papa den Laden fluchtartig verlässt.

Ganz anders sieht es aus, wenn ein Kind sich eine Gratis-Banane schnappen darf. Dann ist es satt und zufrieden, sogar sein Hunger nach Süssem ist gestillt... "Aber das schadet doch unserem Geschäft", unterbrechen Sie mich schon wieder, doch in diesem Punkt muss ich Ihnen vehement widersprechen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie willig wir Eltern uns von unserem Geld trennen, wenn wir nicht andauernd mit "Nein Liebes, das brauchen wir wirklich nicht. Nein, davon hast du beim letzten Mal so furchtbar Bauchweh bekommen. Nein, das ist zu teuer..." von all den Herrlichkeiten im Regal abgelenkt werden. Verschenken Sie den Kindern die Bananen, die Sie abends ohnehin wegschmeissen würden, gewinnen also nicht nur Eltern, Kinder und andere Einkäufer, sondern auch Sie. Ich zumindest werde dann schön brav mehr kaufen, als auf meinem Einkaufszettel steht- vielleicht sogar ein paar Süssigkeiten -, weil ich so glücklich und zufrieden sein werde.

In einem Punkt muss ich Sie allerdings vorwarnen: Verteilen Sie Gratis-Bananen, werden Sie damit ganz bestimmt den einen oder anderen selbst ernannten Erziehungsexperten verärgern. "Diese verwöhnten Bälger sollen gefälligst bis nach der Kasse warten", werden die Leute Ihnen sagen. "Unsereiner hat gar nie Bananen bekommen und Orangen nur zu Weihnachten." Schalten Sie Ihre Ohren bitte einfach auf Durchzug, wenn die Miesepeter zu stänkern anfangen. Das ist nicht ganz einfach, ich weiss, aber mit etwas Übung schafft man es. Ich rede da aus Erfahrung.

Nun möchte ich Sie höflich darum bitten, sich ein Beispiel an Ihren Kollegen aus Schweden zu nehmen und zwar bald, bevor alle meine Kinder zu gross sind, um sich mit Gratis-Bananen zu bedienen. Sollten Sie meinem Wunsch nicht entsprechen, sehe ich mich leider dazu gezwungen, mich in einen Ihrer Supermärkte zu stellen und ganz laut "IIIIIIICH WIIIIIIILLLL JEEEETZT!!!" zu brüllen. Hab' ich von meinen Kindern gelernt. Ist sehr wirkungsvoll.

Letzte Aktualisierung : 04-07-16, TV

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