Qualität und Lücken der nachgeburtlichen Betreuung

Eine Studie zu postnatal care im Rahmen der COST-Aktion IS907 „Childbirth: cultures, concerns and consequences”

Claudia Meier Magistretti, Simone Villiger, Ans Luyben, Ines Varga, Hochschule Luzern, Kompetenzzentrum Prävention und Gesundheitsförderung, Frühling 2014

Forscherinnen der Hochschule Luzern haben untersucht, wie Frauen die Betreuung nach der Geburt ihres Kindes erleben und wie sie die Begleitung durch Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, Mütterberaterinnen, Pflegefachpersonen und weitere Fachleute bewerten. In ihrer Studie gingen sie der Frage nach, ob junge Mütter in der Zeit nach der Geburt die Unterstützung erhalten, die sie wünschen und wo sie Lücken im Angebot feststellen.

In der Schweiz gab es zwar schon Untersuchungen zur Qualität der nachgeburtlichen Betreuung, hier stand aber erstmals nicht die Meinung von Fachpersonen der Gesundheitsversorgung, sondern die ganz persönliche Sicht der Mütter im Zentrum. An der Befragung nahmen 1055 Frauen aus der Deutschschweiz teil, die zwischen November 2011 und Novemer 2012 ein Kind geboren hatten. Die Teilnehmerinnen wiederspiegeln den Schweizerischen Durchschnitt recht gut. Da es sich um eine on-line-Befragung handelte, nahmen etwas weniger ganz junge und etwas mehr gebildete Mütter an der Umfrage teil. Mütter mit Migrationshintergrund sind insgesamt untervertreten, weil die Befragung ausschliesslich in Deutsch stattfand.

Grundsätzlich waren die Mütter mit der nachgeburtlichen Betreuung sehr zufrieden. Dies gilt insbesondere für die Zufriedenheit mit der medizinischen Versorgung, die von 94 % der Befragten als gut bis sehr gut beurteilt wurde. Mit ihren Gefühlen aber und den psychischen Veränderungen nach der Geburt fühlten sich viele Frauen alleingelassen: Frauen, die in einem Geburtshaus oder zu Hause geboren haben, waren dabei mit der seelischen Unterstützung, die sie erhalten hatten, zufriedener als Frauen, die im Spital oder mit einer Beleghebamme geboren hatten. Am schlechtesten wurde die emotionale Begleitung von den Frauen beurteilt, die bei der Geburt im Spital eine Komplikation erlebt hatten. Diese vermissten klare Informationen, eine Betreuung bei der Verarbeitung der Geburt und die Vorbereitung auf die Zeit nach dem Spitalaufenthalt.

Die kritischen Punkte formulierten die Frauen z.B. so:„Die ärztliche Unterstützung war professionell, doch die seelische Verarbeitung und der Ablauf der Geburt wurden nicht angesprochen. „Die menschliche/emotionale Seite hat immer komplett gefehlt.“„Es belastet mich heute noch, dass ich mit keiner geburtsbegleitenden Hebamme über mein Geburtserlebnis sprechen konnte.“

Diese Kritikpunkte betrafen die seelische Unterstützung der Frauen. Sehr viel positiver fiel die Beurteilung der Mitsprachemöglichkeiten im medizinischen Bereich aus: Die Möglichkeit, Fragen zu stellen und bei Entscheidungen in der Betreuung des Babys mitzureden wurde von über 80 % der Frauen als sehr gut oder gut bewertet. Weniger positiv war die Beurteilung aber dort, wo die Mütter gefragt werden, inwiefern ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt wurden.

Erstaunlich war zudem das Ergebnis, dass nur bei etwas mehr als der Hälfte der Mütter eine Planung der Betreuung nach der Geburt erfolgte. Viele Mütter bedauerten denn auch, dass sie bei der Organisation des Alltags nach dem Spitalaufenthalt auf sich allein gestellt waren:„Ich wäre froh gewesen, jemand wäre mit mir zusammengesessen und hätte mit mir die Nachbetreuung zuhause durchgesprochen und organisiert. Ich war nicht genügend darauf vorbereitet.“„Ich hatte keine Wochenbettbetreuung, da sich keiner bei mir gemeldet hatte und ich nicht wusste wo suchen.“

Diejenigen Mütter, welche eine nachgeburtliche Begleitung organsiert hatten, wurden in dieser Zeit vor allem durch Hebammen und Mütter-und Väterberaterinnen betreut. Wie die Ergebnisse zeigten, war es den Frauen sehr wichtig, dass sie nach der Geburt immer durch dieselbe Hebamme und Mütterberaterin betreut werden. Mit deren Unterstützung waren die Mütter sehr zufrieden: sie nahmen Hebammen wie Mütterberaterinnen als freundlich, verständnisvoll und respektvoll wahr.

Ebenfalls zufrieden waren die Frauen mit der Unterstützung bei Fragen zur Ernährung des Babys. Knapp ein Viertel der befragten Frauen gab aber an, dass die Informationen und die Beratung durch die Fachpersonen uneinheitlich und verwirrend waren:„Als ganz schlecht habe ich die inkonsistenten Anweisungen im Wochenbett im Spital empfunden: Die sich teils widersprechenden Tipps haben mich nachhaltig verunsichert und meinen durch die Hormone schon sehr aufgewühlten Gemütszustand zusätzlich verschlimmert. Ich wünsche mir mehr Einheitlichkeit.“

Aus den Resultaten wurden Verbesserungsvorschläge insbesondere in Bezug auf die psychosoziale Begleitung von Müttern nach der Geburt abgeleitet.

Die vollständige  Studie ist verfügbar unter:

http://www.hebamme.ch/de/act/index.cfm?nID=2196

Stand: 5/14, BH