Tödliche Masernfolgen häufiger als gedacht

Weltweit sterben jährlich immer noch mehr als 100.000 Kinder an Masern und den damit verbundenen Komplikationen. Da scheint die Situation hierzulande harmlos: Seit Anfang Juni 2013 sind dem Bundesamt für Gesundheit insgesamt 42 Fälle von Masernerkrankungen gemeldet worden. Hauptsächlich betroffen ist die Zentralschweiz mit 29 Fällen. Die Situation kann aber noch besorgniserregend werden, wie z.B. bei der Masernepidemie im Jahr 2011 mit fast 700 gemeldeten Fällen.

Masern sind eine Virusinfektion und gehören zu den typischen Kinderkrankheiten, befallen jedoch zunehmend auch Jugendliche und Erwachsene, die vor 1970 geboren sind, also vor Einführung der Impfung. Hier kann der Krankheitsverlauf deutlich schwerer verlaufen als bei kleinen Kindern. Und gerade für Schwangere ist ein ausreichender Schutz gegen Masern wichtig, da schwere Komplikationen auftreten können. Frauen mit Kinderwunsch sollten mindestens drei Monate vor einer geplanten Schwangerschaft den Impfstatus überprüfen lassen und sich ggf. gegen Masern impfen lassen, um mögliche Fehl- oder Frühgeburten im Falle einer Erkrankung zu verhindern.

Weil durch Masern das Immunsystem geschwächt wird,  können bakterielle Infektionen wie Bronchitis, Mittelohrentzündungen, Hirnhautentzündungen und Lungenentzündungen die Folgen sein. In sehr seltenen Fällen kann es Jahre nach einer durchgemachten Masernerkrankung zu einer nicht behandelbaren, tödlich verlaufenden Entzündung des Gehirns kommen. Sie wird als SSPE (subakute sklerosierende Panezephalitis) bezeichnet, führt zu einem schleichenden Verlust aller geistigen Fähigkeiten und endet im Wachkoma, in dem die Betroffenen nach wenigen Monaten oder auch Jahren versterben.

Dass dies häufiger vorkommt als bisher angenommen wurde, haben jetzt Wissenschaftler der Universität Würzburg und vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Oberschleißheim berechnet. Das Durchschnittsrisiko für Kinder unter fünf Jahren beträgt demnach 1 zu 3300. Ihre Studie haben die Forscher in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht (s.u.).

Gerade Kinder im ersten Lebensjahr, für die das SSPE-Risiko am höchsten ist, können noch nicht selbst gegen Masern geimpft werden. Die erste Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) wird erst im Alter von 12 Monaten verabreicht werden, die zweite zwischen dem 15 und 24. Monat. Hier hilft aber ein möglichst weitgehend geimpftes Umfeld: Nur wenn so viele Menschen wie möglich gegen Masern immun sind, ist es möglich, die Krankheit zu eliminieren, und damit Kinder im ersten Lebensjahr vor einer schrecklichen Krankheit zu schützen.

Um den Maservirus zu eliminieren, müssten gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) mindestens 95 Prozent der Schweizer mit zwei Dosen gegen Masern geimpft werden. Die Zahl der vollständig Geimpften beträgt derzeit schweizweit 82 Prozent. Laut der BAG-Sprecherin Mona Neidhart sei es nicht vorgesehen die Masernimpfung für obligatorisch zu erklären. Doch der Kanton Luzern will ab dem kommenden Schuljahresbeginn eine freiwillige und kostenlose Masernimpfung in Schulen wieder einführen.

Übrigens: Ungeimpfte Kita-Angestellte, Schüler und Lehrer können nach den neuen Richtlinien des Bundesamt für Gesundheit bis zu drei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen werden, wenn es zu einem Masernausbruch kommt. Die Gefahr einer Epidemie sei in diesem Fall schwerwiegender als das Recht auf Grundschulunterricht. Daraus leitet sich auch ein „sanfter Impfzwang“ für Lehrpersonen und Kita-Betreuer ab: Eine Immunität gegen Masern wird als Anstellungsbedingung empfohlen.

Quelle: Schönberger, K. et al.:  Epidemiology of Subacute Sclerosing Panencephalitis (SSPE) in Germany from 2003 to 2009: A Risk Estimation. PLoS ONE 8(7): e68909. doi:10.1371/journal.pone.0068909

Stand: 7/13, BH