Strategien statt Schläge

Vor exakt 10 Jahren, am 30. April 2003, hat die Stiftung Kinderschutz Schweiz den "International No Hitting Day for Children" in der Schweiz lanciert, der inzwischen von verschiedenen Organisationen unterstützt wird. An diesem Tag sind weltweit Aktionen geplant, welche die Diskussion über das leider zu oft tabuisierte Thema der Gewalt in der Erziehung auslösen wollen.

Die Stiftung Kinderschutz Schweiz nimmt diesen Tag zum Anlass, um auf die gewaltfreie Erziehung aufmerksam zu machen. Denn Gewalt hat in der Erziehung nichts zu suchen: weder physische noch psychische Gewalt. Dass Eltern mal an ihre Grenzen kommen, ist verständlich. Aber es müssen andere Wege als Schläge oder Anschreien gefunden werden.

Zum Jubiläum hat die Stiftung Kinderschutz prominente Eltern gefragt, was sie tun, wenn der elterliche Geduldsfaden zu reissen scheint:

  • Bevor die Situation eskaliert, geht Bänz Friedli, Hausmann und Autor, "zum Verlüften" auf den Balkon. "Nach drei, vier tiefen Atemzügen vertragen wir uns wieder." Der Vater einer Tochter und eines Sohnes kennt noch eine zweite bewährte Variante: "Wenn meine Kinder nerven, versetze ich mich für Sekunden ins Kind in mir zurück. Dann nerven sie nicht mehr."
  • Auch Liederer Linard Bardill, fünffacher Vater, setzt auf Distanz: "Einmal um den Block gehen hilft – entweder ich oder das Kind." Zudem hat er zahlreiche Alternativen in petto: "Eins singen. Eins schweigen. Eins rauchen. Oder die Clownnase aufsetzen." Wichtig ist für den Bündner, "die Schlaufen zu durchbrechen."
  • Kolumnistin Sybil Schreiber (Schreiber vs. Schneider), Mutter zweier Mädchen, lässt ihre Wut an einem Kissen oder Handtuch aus: "Kurz bevor mir der Kragen platzt, verziehe ich mich allein ins Wohnzimmer und boxe ins Kissen. Sehr gut ist auch der Biss in ein Handtuch – dabei knurre ich wie ein Hund."
  • Ihr Mann Steven Schneider flüchtet bei Ärger samt Hund in die Natur: "Das Vogelgezwitscher, die Majestät des Rheins und der Wälder rücken die Realitäten schnell wieder gerade, und die sind meist halb so schlimm."

Dass Eltern im entscheidenden Moment auf eine solche Strategie zurückgreifen statt zuschlagen, ist das zentrale Anliegen der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Auf der Website www.kinderschutz.ch finden Erziehende deshalb ganz konkrete Tipps für kritische Situationen, zum Beispiel innerlich bis zehn zu zählen oder das Kind ins Zimmer zu schicken oder sich in Gelassenheit zu üben. Plus die Empfehlungen, sich bei einer Fachstelle Hilfe zu holen, in einem Elternkurs Sicherheit zu gewinnen und im herausfordernden Erziehungsalltag für genügend Atempausen zu sorgen. «Wer sich selber wohl fühlt und über Strategien verfügt, verliert in schwierigen Situationen nicht so schnell die Nerven», sagt Katrin Meier, Projektleiterin bei Kinderschutz Schweiz.

Wie nötig solche Tipps sind, zeigen die Zahlen der repräsentativen Umfrage der Uni Fribourg: Fast 40 Prozent der Kinder bis zu vier Jahren in der Schweiz werden mit Schlägen auf den Hintern bestraft – manche davon sehr häufig. Betroffen sind bereits die Jüngsten: 35 000 sind es bei den unter Zweieinhalbjährigen, bei den über 12-Jährigen immer noch elf Prozent. Und 68 Prozent der Eltern akzeptieren einen Klaps oder eine Ohrfeige als Erziehungsmassnahme – das ergab eine Umfrage des Instituts Isopublic aus dem Jahr 2007.

Dabei ist wissenschaftlich längst belegt, dass Gewalt als Erziehungsmittel nicht taugt, sondern im Gegenteil schadet: Sie beeinträchtigt das kindliche Selbstbewusstsein, kann die Entwicklung verzögern und stört die Beziehung zu den Eltern. Und sie hat langfristige Folgen für die ganze Gesellschaft: "Je länger und massiver Eltern Gewalt ausüben, desto höher ist das Gewaltrisiko bei Jugendlichen", hält Kinderschutz Schweiz im Positionspapier "Das Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt" fest.

Dennoch ist die körperliche Züchtigung im Rahmen der Erziehung hierzulande nicht grundsätzlich verboten – im Gegensatz zu 33 anderen Staaten wie zum Beispiel Schweden, wo ein entsprechendes Gesetz bereits seit 1979 in Kraft ist. In einer Umfrage von 2011 gaben nur drei Prozent der schwedischen Eltern an, ihr Kind im letzten Jahr geschlagen zu haben. 1980 waren es noch 28 Prozent.

Dieses Umdenken will die Stiftung Kinderschutz Schweiz auch in der Schweiz erreichen und fordert nun die gesetzliche Verankerung des Rechts auf eine gewaltfreie Erziehung, wie es die UN-Kinderrechtskonvention verlangt. Wie in Schweden, Österreich oder England soll mit einem Gesetz eine klare Orientierung ermöglicht und eine Haltungsänderung unterstützt werden – ohne Mütter und Väter zu kriminalisieren: «Eltern, die ihre Kinder schlagen, brauchen keine Strafen, sondern pädagogische Unterstützung und familienfreundliche Rahmenbedingungen», betont Katrin Meier. Deshalb müsse eine gesetzliche Verankerung zwingend mit Massnahmen kombiniert werden, die Mütter und Väter in ihrer Erziehungsarbeit stärken.

Stand: 4/13, BH