AKW-Strahlung in der Schweiz? - Das müssen (werdende) Eltern wissen

Das Erdbeben und der darauf folgende Tsunami drohen, zu einer atomaren Umweltkatastrophe in Japan zu werden. Aber Radioaktivität kann man weder riechen noch sehen, deshalb sind die gesundheitlichen Risiken einzelner Strahlendosen von Laien schwer einzuschätzen. Leicht erhöhte radioaktive Werte werden in diesen Tagen auch in der Schweiz messbar sein. Wie gefährlich ist das für uns und unsere Kinder?Und auch Schwangere fragen sich, wie gefährlich die Umweltbelastung und auch japanische Nahrungsmittel für das ungeborene Kind sind.

Die mittlere natürliche Strahlenexposition der Schweizer Bevölkerung liegt bei 5.5 Millisievert pro Jahr (Sievert, Sv, ist die Masseinheit der Strahlendosen, früher REM). Zum Vergleich: In Japan, in der Nähe des Atomkraftwerks, wurden diese Woche Strahlenwerte von bis zu 400 Millisievert pro Stunde gemessen.

Welche Schäden radioaktive Strahlen im menschlichen Körper anrichten, hängt von der Zeitspanne der Strahlung, der Art der Substanz und von der Dosis ab.

  • Dauert die Bestrahlung kurz, kann der Organismus die Strahlenbelastung schlechter kompensieren, als wenn die gleiche Dosis über längere Zeit aufgenommen werden muss.
  • Hohe Strahlendosen führen zur akuten Strahlenerkrankung. Geringere Strahlendosen töten nicht, erhöhen aber langfristig das Risiko für Krebs. Beispiel: Eine jährliche Strahlenexposition von 100  Millisievert resultiert in 1% in Krebs und Missbildungen bei Nachkommen. Kinder (auch Ungeborene) sind aufgrund der schnellen Zellteilung besonders empfindlich. So kann der Konsum von verstrahlten Lebensmitteln - insbesondere zwischen der 5. und 15. Schwangerschaftswoche - das Krebsrisiko erhöhen, in schlimmeren Fällen gar zu Fehlbildungen führen.
  • Aus einem Atomkraftwerk treten besonders gefährliche radioaktive Edelgase aus (Xenon 133 und Krypton 85). Vorteil dieser Substanzen: sie sind äusserst flüchtig; bereits einige wenige Kilometer Distanz zur Strahlenquelle und man braucht sich nicht um die Gesundheit zu fürchten. Jod 131 und Cäsium (Cs-134, Halbwertszeit 2 Jahre und Cs-137, Halbwertszeit 30 Jahre) gelangt via Trinkwasser in die Nahrungskette. Trinkwasser und Nahrungsmittel werden deshalb regelmässig auf ihre Strahlenwerte untersucht. Radioaktives Jod reichert sich bei Aufnahme rasch in der Schilddrüse an, was zu einem erhöhten Schilddrüsenkrebs-Risiko führt. Hier helfen Jodtabletten, welche nichtradioaktives Jod (Jod 127) in die Schilddrüse einlagert, so dass radioaktives Jod nicht mehr aufgenommen wird. Zur Vorbeugung nützen Jod-Tabletten allerdings nicht. Jod 131 hat eine Halbwertszeit von nur 8 Tagen. Die Wirkung vorbeugend eingenommener Jodtabletten verpufft somit frühzeitig. Strontium 90 und Plutonium 239: Diese Stoffe binden sich an Staubpartikel und können deshalb über die Atemluft in den Körper gelangen und Zellen schädigen.

Die zusammen mit Meteo Schweiz und der Nationalen Alarmzentrale erstellten Modelle über die Ausbreitung der radioaktiven Substanzen werden von Fachleuten ständig beobachtet. Mit zunehmender Entfernung vom Quellort nimmt die Dosis der Substanz kontinuierlich ab. Die Ergebnisse der Ausbreitungsberechnungen hängen wesentlich davon ab, wie viel radioaktives Material in welcher Form noch in die Umwelt gelange, sagen die Experten. Es ist zu erwarten, dass sich das Cäsium auch grossflächig über dem Pazifischen Ozean verteilen wird und dort mit dem Regen ins Meerwasser ausgewaschen werden kann. Die Kontaminationen im Meerwasser werden sich aufgrund der Strömungsmuster schnell im Pazifik verteilen und dabei auch deutlich verdünnen.

Unbestritten ist, dass die Wirkung auf die Schweiz nicht mit jener radioaktiven Wolke vergleichbar ist, die aus dem Reaktor von Tschernobyl entwich, kam es doch dort zu einem Grafitbrand, bei dem weite Teile des Kernmaterials zerstört wurden und Rauch sowie Partikel in grosse Höhen gelangten. Damals kam es in Mitteleuropa zu umfangreichen, teilweise widersprüchlichen Empfehlungen zum Lebensmittelkonsum.

Die gesetzlichen Grenzwerte würden jetzt sicher nicht überschritten werden und gemessen an der ohnehin vorhandenen Strahlung werde die Zusatzbelastung für die Bevölkerung in der Schweiz minim sein, sagt Johannes Hammer, Sektionschef radiologischer Strahlenschutz beim ENSI (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat). Die Situation wird laufend vom BAG, vom Eigenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) und der Nationalen Alarmzentrale (NAZ) flächendeckend kontrolliert. Die fünf hochempfindlichen Messgeräte, welche in verschiedenen Regionen der Schweiz Messungen durchführen, haben bisher keine erhöhten Werte von radioaktiven Spuren angegeben. Imissionswerte seien lediglich ein Millionstel höher als sonst und stellten damit keine gesundheitliche Gefahr für die Schweizer Bevölkerung dar.
 
Geplant sind nun auch Strahlenuntersuchungen von Flugzeugen, die in der betroffenen Region geflogen seien, sagt Mirjana Moser von der Abteilung für Strahlenschutz beim Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Dort ist man auch für die Lebensmittelsicherheit zuständig. Im unmittelbar betroffenen Gebiet herrscht natürlich ein Landwirtschaftsverbot. Allerdings ist das zu erwartende Ausmass der Kontamination im asiatischen Raum noch völlig unklar. Dies gelte auch für Meerestiere. Klar sei, dass sich radioaktive Stoffe im Meer rasch verflüchtigen, sagt Moser. Am 31. März 2011 hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beschlossen, japanische Importe verstärkt kontrollieren zu lassen. Seitdem brauchen alle Sendungen aus Japan eine Deklaration der zuständigen japanischen Behörde zur Bestätigung, dass das Produkt vor dem Reaktorunfall vom 11. März erzeugt wurde. Andernfalls ist ein Analysebericht über die Strahlenbelastung beizulegen.

Allerdings importiert die Schweiz verhältnismässig wenige Produkte aus Japan, darunter vor allem Fette und Öle von Fischen, Sojasauce, Teigwaren und Getreide, konserviertes Gemüse, Zusätze zum Herstellen von Gewürzsaucen, Algen, Pflanzenfette sowie Getränke.  Nach Meinung von Experten können Schwangere importierte japanische Produkte zur Zeit bedenkenlos essen. Die Produkte seien gut geprüft und eine Schädigung des Ungeborenen sowieso erst ab einer signifikanten Dosis zu erwarten.

Das BAG hat seit dem 16.3.2011 einen telefonischen Auskunftsdienst eingerichtet (031-3229728), denn die staatlichen Fachstellen werden derzeit mit Fragen zu den Risiken hierzulande und auf Reisen überhäuft. Eine davon betrifft das Kaufen von Jodtabletten zur Prophylaxe von Schilddrüsenkrebs bei starker Bestrahlung. Dies sei nicht nötig, die staatlichen Vorräte für Notfälle reichten (die Bevölkerung rund um AKW erhält seit langem Notpackungen); eine unnötige Einnahme könne nachteilig sein (s.o.).

Bitte beachten Sie auch die aktualisierten Empfehlungen des BAG unter www.bag.admin.ch.

(Quelle: NZZ, Mediscope, BAG)

Stand: 6.4.2011, BH