Rachenmandeln überlegt operieren

Wiederkehrende Atemwegsinfektionen sind bei Kindern ein häufiger Grund für die Entfernung der Rachenmandeln. Eine holländische Studie, die im Britischen Ärzteblatt veröffentlicht wurde, kann jedoch keine Vorteile gegenüber einer abwartenden Haltung erkennen.

Die Entfernung der Rachenmandeln (Adenotomie, Adenoidektomie) ist in den Niederlanden sehr verbreitet. Bis zum Ende des vierten Lebensjahrs werden dort bei 16,3 von 1.000 Kindern die Rachenmandeln entfernt. Die Rate ist dreimal höher als beispielsweise in den USA. Ein häufiger Anlass für diese Operation sind chronische Infektionen der oberen Atemwege. Die Vergrösserung der Rachenmandel behindere die Nasenatmung und fördere die Entwicklung einer Mittelohrentzündung, lautet die Begründung. Ob dies wirklich so ist, muss allerdings bezweifelt werden. Die Gruppe um die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Anne Schilder von der Medizinischen Universität Utrecht konnte kürzlich für eine Meta-Analyse nur zwei kontrollierte Studien ausfindig machen: Eine wies methodische Schwächen auf, die andere zeigte nur einen geringen und nicht signifikanten Rückgang der Otitis media nach der Rachenmandeln-Entfernung.

Für eine eigene Studie konnte die Gruppe jetzt 13 Kliniken gewinnen, die 111 Kinder im Alter von 1 bis 6 Jahren mit häufigen Atemwegsinfektionen zufällig auf eine sofortige Adenotomie oder auf eine abwartenden Haltung verteilten. Das Ergebnis war in beiden Gruppen gleich: Die Adenotomie senkte in den folgenden 2 Jahren weder die Rate der oberen Atemwegsinfektionen, noch gab es Unterschiede in den Krankheitstagen, bei den Beschwerden wegen Mittelohrentzündungen oder in der Lebensqualität der Kinder.

Die Zahl der Fiebertage war nach der Adenotomie sogar höher, was nicht völlig überrascht, da die Rachenmandeln eine gewisse Funktion in der Immunabwehr haben dürften. Gegen die Operation spricht auch, dass zwei Kinder Komplikationen erlitten: Eines musste nach der Operation wegen einer Verschlimmerung einer Asthmaerkrankung hospitalisiert werden, dem anderen Kind hatten die Ärzte während der Operation einen Milchzahn zerbrochen. Ein wichtiges Ergebnis der Studie war ausserdem, dass die Infektionsrate der Kinder in beiden Studiengruppen mit der Zeit zurückging.

Dies spricht dafür, dass es auch bei Kindern mit hartnäckigen Atemwegsinfektionen schliesslich zu einer Besserung kommt, ohne dass dies durch eine operative Therapie unterstützt werden muss, die zudem in der Studie keine Wirkung zeigte. Fachleute wünschen sich jedoch eine Wiederholung der Studie, da die Ergebnisse nicht unbedingt auf andere Länder und Behandlungsgewohnheiten übertragbar seien.

Quelle: Van den Aardweg, M.T.A. et al.: BMJ 2011; 343: d5154

Stand: 9/11, BH