Stress beeinflusst die Partnerwahl

Gleich und gleich gesellt sich gern. Die meisten Menschen wählen einen Partner, der ihnen relativ ähnlich sieht. Was einen potenziellen Partner attraktiv macht, hängt aber auch von der eigenen Gemütslage ab: In belastenden Situationen verändert sich der Geschmack – jedenfalls bei Männern: Gestresste Männer bevorzugen eher Partnerinnen, die ihnen äusserlich gar nicht gleichen. Das berichten Forscher um die Psychologin Johanna Lass- Hennemann von der Universität Trier/Deutschland.

Für die Studie beurteilten 50 heterosexuelle Männer Fotos nackter Frauen, die entweder ihnen selbst ähnlich sahen oder einem anderen Probanden. Mithilfe eines Grafikprogramms hatten die Forscher zuvor Fotos ihrer Gesichter mit dem einer Frau gekreuzt und so ähnlicher gemacht. Diese Frauen ähnelten in charakteristischen Gesichtszügen deutlich dem betrachtenden Mann, ohne aber unweiblich zu wirken.

Die Hälfte der Männer wurden „gestresst“, indem sie vor der Untersuchung für drei Minuten eine Hand in eiskaltes Wasser halten mussten. Nachweislich steigert das Herzfrequenz, Blutdruck und die Werte des Stresshormons Cortisol. Diese Männer beurteilten Frauen, die keine Ähnlichkeit mit ihnen aufwiesen, als signifikant attraktiver. Männer, die vorab nicht unter Stress gesetzt wurden, fanden Fotos von Frauen mit ähnlichen Gesichtszügen anziehender. Allgemein zeigte sich, dass erotische Bilder sich auf die gestressten Männer positiver und beruhigender auswirkten als neutrale Nacktfotos. Gemessen wurde mit Hilfe einer Elektrode die Reaktion eines bestimmten Augenmuskels: Dieser reagiert auf spannende optische Sinneseindrücke mit einem willentlich nicht beeinflussbaren Zucken, und zwar eher schwach, wenn das Gesehene als positiv wahrgenommen wird und sehr stark, wenn es abstossend wirkt.

Gründe dafür sehen die Wissenschaftler in urtümlichen Prozessen. Stresshormone lassen die höher entwickelten Fähigkeiten in den Hintergrund treten, so dass der Mensch eher instinktiv urteilt. Stress kehrt demnach die Prinzipien der Partnerwahl um. "Unter Stresseinfluss ist der Druck grösser, genetisch gut gerüstete Nachkommen zu zeugen", vermutet Lass-Hennemann. Da gehe es vor allem um schnelle, erfolgreiche Fortpflanzung, und das klappt besser mit einem Partner, der aus einem entfernteren Genpool stammt. Ähnliche Partner haben hingegen aus evolutionärer Sicht einen anderen Vorteil: "Sie werden als loyaler und vertrauenswürdiger wahrgenommen", erklärt Lass-Hennemann. Für sie entscheidet sich der Mensch unter entspannten Bedingungen, wenn eine lange Beziehung wünschenswert ist. Die Versuchsergebnisse liefern nach Ansicht der Forscher auch eine Erklärung dafür, dass dauerhaft unter Stress stehende Menschen eher One-Night-Stands und Kurzbeziehungen anstelle einer dauerhaften Partnerschaft pflegen.

In der Studie seien zwar nur Männer getestet worden, so die Studienleiterin Lass- Hennemann, es sei aber anzunehmen, dass Frauen genauso reagieren.

In der Konsequenz bedeutet das: bei der Partnerwahl besser nichts überstürzen - getreu Großmutters Rat: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet."

Quelle: Johanna Lass-Hennemann, et al.: Proc. R. Soc. B published online before print March 10, 2010, doi:10.1098/rspb.2010.0258
http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/early/2010/03/04/rspb.2010.0258.abstract

Stand: 3/10, BH