Kühlung hilft Neugeborenen nach Sauerstoffmangel

Eine therapeutische Herabsetzung der Körpertemperatur auf 33 bis 34°C verbessert die Chancen von Neugeborenen, die einem schweren Sauerstoffmangel unter der Geburt ausgesetzt waren. Dies ist das Ergebnis einer multizentrischen Studie. Betroffene Kinder, die in den ersten drei Tagen gekühlt wurden, hatten bessere Überlebenschancen und zeigten häufiger eine normale Entwicklung als intensivmedizinisch behandelte Kinder, die nicht gekühlt wurden.

Jährlich werden in Deutschland etwa 400 bis 600 Kinder geboren, die solch einen schweren Sauerstoffmangel erleiden. Bei einem Grossteil dieser Kinder kam es bislang zu lebenslangen Hirnschädigungen mit Lähmungen und Verminderung der Intelligenz. Die unter Leitung von Prof. Dr. Georg Simbruner von der Universität Innsbruck in Deutschland, Frankreich, Dänemark und Italien durchgeführte Studie (neo.nEURO.network trial) umfasste insgesamt 129 Neugeborene, die Zeichen einer schweren Hirnschädigung durch Sauerstoffmangel nach der Geburt hatten. Die Hälfte der Kinder wurde nach aktuellen Standards intensivmedizinisch behandelt, die andere Hälfte wurde zusätzlich in den ersten drei Tagen auf eine Körperkerntemperatur von 33 bis 34° C gekühlt.

Mit der Kühlung überlebten nicht nur doppelt so viele Neugeborene, sondern die Überlebenden zeigten im Alter von zwei Jahren doppelt so häufig eine normale oder weitgehend normale Entwicklung. „Damit steht erstmals eine Therapie zur Verfügung, mit der Neugeborenen nach Sauerstoffmangel wirksam geholfen werden kann“, so Dr. Norbert Teig vom Perinatalzentrum der Ruhr-Universität Bochum, einem der teilnehmenden Zentren.

Der exakte Wirkungsmechanismus der Kühlung ist nach wie vor unklar. Man weiss jedoch, dass nach einer akuten Minderdurchblutung des Gehirns nur ein Teil des Gewebes sofort so schwer geschädigt wird, dass es abstirbt und nicht mehr zu retten ist. Ein wesentlicher Teil des Gewebes wird lediglich in seiner Funktion geschädigt, d.h. die Zellen werden verletzt. Nach wenigen Stunden, wenn wieder ein ausreichender Kreislauf hergestellt ist, produzieren diese Zellen zahlreiche Stress-Substanzen, die erst dann zum Zelluntergang führen. Eine rechtzeitige Kühlung unterdrückt diese Reaktion durch eine allgemeine Herabsetzung des Zellstoffwechsels. So wird die Regeneration der geschädigten Zellen ermöglicht. Versuche, diese Prozesse medikamentös zu beeinflussen, gibt es seit vielen Jahren, sie haben sich bislang aber nie als wirksam herausgestellt.

Quelle: G. Simbruner et al.: Pediatrics, published online September 20, 2010, doi:10.1542/peds.2009-2441

Stand: 9/10, BH