Kontroverse um Hausgeburten in Grossbritannien und den Niederlanden

In den Niederlanden, wo ca. 30 % der Frauen zu Hause gebären, gilt die Hausgeburt als sicher. In England und Wales, wo der Anteil bei 2,7 Prozent (etwa wie in der Schweiz und Deutschland) liegt, bestehen erhebliche Bedenken seitens der Gynäkologen. Nun hat das Versprechen der britischen Regierung, demnächst allen Frauen auf Wunsch eine Hausgeburt zu ermöglichen, zu einigen Diskusssionen im Fachjournal British Journal of Obstetrics and Gynaecology (BJOG) geführt.

In den Niederlanden ist die Geburtshilfe sowohl in der Klinik als auch zu Hause fest in Händen von Hebammen. Nach unkomplizierten Schwangerschaften begleitet in der Regel eine Hebamme die Gebärende. In zwei Dritteln der Fälle müssen keine Ärzte hinzugezogen werden, berichtet die Hebamme Marianna Amelink-Verburg von der niederländischen Forschungsorganisation TNO in Leiden. Bei den anderen Geburten werde frühzeitig ein Arzt hinzugezogen, sodass der Anteil der Notfälle mit 3,6 Prozent gering ist. Die Ergebnisse der von Hebammen geleiteten Geburten seien gut. Sowohl der Apgar-Score (9,72 nach 5 Minuten) sei exzellent als auch die Sterblichkeit des Kindes während Geburt und Neugeborenenzeit (IPPM mit 0,05 Prozent). Todesfälle der Mutter habe es unter 280.000 Geburten in den Jahren 2001 bis 2003 keine gegeben.

Der Frauenarzt Prof. Philip Steer vom Imperial College London, dem Herausgeber des BJOG, entwirft ein ganz anderes Bild von den Verhältnissen in den Niederlanden. Die perinatale Sterblichkeit sei dort in den letzten Jahren weniger stark zurückgegangen als in den meisten anderen europäischen Ländern und sei inzwischen die zweithöchste in Europa, weshalb Mediziner schon eine Reform verlangen würden.

Umso erstaunlicher sei es, dass in England und Wales bald niederländische Verhältnisse gelten sollen. Dort soll in den nächsten drei Jahren jeder Frau die Möglichkeit zur Hausgeburt gegeben werden. Nach Meinung von führenden Gynäkologen sei aber eine Verzehnfachung der Hausgeburtenrate kaum vorstellbar und von den meisten Frauen gar nicht gewünscht. Die Ergebnisse einer retrospektiven Studie des National Collaborating Centre for Women's and Children's Health sprechen zudem für einen Anstieg der intrapartalen perinatalen Mortalität (IPPM). Diese Zahl ist zwar derzeit nach geplanten Hausgeburten nicht höher als nach Klinikgeburten, doch in den Fällen, in denen die Hausgeburt abgebrochen und die Frauen in eine Klinik transportiert werden müssen, steige die IPPM um das Mehrfache an, warnen die Autoren. Sie konnten in ihrer Studie jedoch nicht die näheren Umstände analysieren, die zum Transfer in die Klinik führten.

Zweifellos ist die in den Niederlanden perfektionierte Risiko-Selektion die wichtigste Voraussetzung für eine sichere Hausgeburt.  Nun soll in Grossbritannien die Frage der Sicherheit einer Hausgeburt in einer prospektiven Studie geklärt werden, die im Rahmen der laufenden Birthplace-Studie geplant ist. Die Studie soll detaillierte Informationen über 25.000 Geburten sammeln und einen fairen Vergleich der beiden Methoden erlauben. Ergebnisse werden frühestens im nächsten Jahr vorliegen.

Quellen:
R Mori et al.: BJOG: 115 (5), S. 554–559, 2008.
M. Amelink-Verburg et al.: BJOG: 115 (5), S. 570–578, 2008

Stand: 4/08, BH