Antidepressiva in der Schwangerschaft?

Experten schätzen, dass 10-15 % der Frauen in gebärfähigem Alter unter deutlichen depressiven Störungen leiden. Viele Mediziner gehen davon aus, dass schwangere Frauen bei Depressionen behandelt werden sollten. Sie befürworten dabei auch den Einsatz von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Die Wirkung dieser Antidepressiva beruht auf der Erhöhung der Verfügbarkeit des chemischen Botenstoffes Serotonin im Körper.

Ihr Einsatz erhöht jedoch laut einer Studie der University of California das Risiko einer persistierenden pulmonalen Hypertonie bei Neugeborenen (PPHN). Diese relativ seltene Atemwegserkrankung tritt bei ein bis zwei pro 1.000 lebend geborenen Kindern in Amerika auf. Aufgrund der Schwere der Erkrankung überleben zwischen zehn und zwanzig Prozent der Neugeborenen trotz medizinischer Behandlung nicht. Für die Studie wurden 377 Frauen befragt, deren Kinder unter einer PPHN litten oder gelitten hatten. Das Team um Christina Chambers stellte fest, wie viele der Teilnehmerinnen während der Schwangerschaft selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingenommen hatten. Im Vergleich mit Müttern gesunder Kinder zeigte sich, dass die Einnahme nach der 20. SSW zu einer sechsfachen Erhöhung des Erkrankungsrisikos des Kindes führte. Die Wissenschafter betonen jedoch, dass das Risiko einer Schwangeren, die SSRIs einnimmt, ein Kind mit PPHN auf die Welt zu bringen, mit rund 1% immer noch relativ gering ist.

Eine Studie aus Israel macht in den auf ein weiteres mögliches Risiko aufmerksam: Bei fast jedem dritten Neugeborenen fanden die Pädiater Symptome eines sog. perinatalen SSRI-Entzugssyndroms. Es äussert sich vor allem in lautstarkem Schreien der Neugeborenen. Hinzu kommen Zittern, Verdauungsprobleme, eine abnorm erhöhte Muskelspannung sowie Schlafstörungen. Die Autorin Rachel Levinson-Castiel spricht sich nicht kategorisch gegen den Einsatz von SSRI in der Schwangerschaft aus, bittet aber darum, die Möglichkeit eines SSRI-Entzugssyndroms bei der Indikationsstellung zu berücksichtigen. Nach der Geburt sollten die Kinder über 48 Stunden beobachtet werden. Ausserdem fordert die Autorin weitere Studien zur Sicherheit von SSRI in der Schwangerschaft

Über eines sind sich alle Fachleute jedenfalls einig: Ohne Antidepressiva bestünden ebenfalls nicht zu unterschätzende Risiken - und zwar für die werdende Mutter. Eine im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Studie wies kürzlich darauf hin, dass es bei Frauen mit schweren Depressionen zu einem erneuten Auftreten der Erkrankung kommen kann, wenn sie ihre Medikamente während der Schwangerschaft absetzen.

Quellen:
C. Chambers et al.: New England Journal of Medicine 2006; 354: 579-587
R. Levinson-Castiel et al. :  Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine 2006; 160: 173-176