Bluttest erkennt Präeklampsie-Risiko

Nach vielen Jahren vergeblicher Bemühungen scheinen Forscher in den USA jetzt eine Methode zur Früherkennung der Präeklampsie, die unbehandelt in einer tödlichen Eklampsie enden kann, gefunden zu haben. Eine soeben veröffentlichte Fall-Kontroll-Studie zeigt, dass es im Blut von Schwangeren bereits viele Wochen vor den ersten Symptomen zu einem Anstieg bestimmter Proteine kommt. Die Weltgesundheitsorganisation prüft derzeit, ob der Test für die Praxis geeignet ist.

Die Ursache der Präeklampsie, die 3 - 5 % aller Schwangerschaften kompliziert und unbehandelt die Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet, ist noch unbekannt. Doch in den letzten Jahren konnte die Forschung zumindest die Entstehung der Symptome besser verstehen.

Als Auslöser kommen Proteine in Frage, die von der Plazenta in den mütterlichen Kreislauf freigesetzt werden. Zu den zahlreichen isolierten Substanzen gehören Endoglin und die „soluble fms-like tyrosine kinase 1“ oder sFlt1. Nach der derzeitigen Hypothese werden diese ins mütterliche Blut ausgeschwemmt, wenn die Plazenta - aus welchem Grund ist unklar - nicht mehr in der Lage ist, genügend Sauerstoff aus dem mütterlichen Blut aufzunehmen.

Richard Levine vom US-National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda und Mitarbeiter haben noch einmal die Blutproben von Teilnehmerinnen der „Calcium for Preeclampsia Prevention“-Studie analysiert, die seinerzeit (vergeblich) die schützende Wirkung von Kalzium untersuchte. Sie fanden heraus, dass der Endoglinwert bereits zwei bis drei Monate vor der klinischen Manifestation der Präeklampsie ansteigt. Bei Frauen mit einem frühen Beginn der Eklampsie war das Eiweiss bereits zwischen der 17. und 20. Schwangerschaftswoche erstmals vermehrt nachweisbar, bei Frauen mit späterem Beginn stiegen die Werte zwischen der 25. und 28. Woche an. Auch bei Frauen, die nur eine Blutdruckerhöhung (ohne Proteinurie) entwickelten, wurde ein Anstieg zwischen der 33. und 36. Woche gefunden, ein weiterer Beleg dafür, dass diese sogenannte Gestationshypertonie eine milde Form der Präeklampsie und keine eigenständige Erkrankung ist.

Die Präeklampsie war zusätzlich mit einem Anstieg von sFlt1 verbunden. Wenn dieses Eiweiss im Blut der Mutter auftaucht, kommt es meistens gleichzeitig zum Abfall einer weiteren Subtanz namens „placental growth factor“ (PlGF). Der Quotient aus sFlt1 zu PlGF war deshalb für die Vorhersage besser geeignet als sFlt1 allein. Das gegensätzliche Verhalten dieser beiden Proteine ist kein Zufall. Im Serum bindet sFlt1 nämlich an PlGF, das dann im mütterlichen Kreislauf gewissermassen neutralisiert wird.

An sFlt1 bindet aber noch eine andere Substanz aus dem mütterlichen Kreislauf, nämlich der „vascular endothelial growth factor“ (VEGF). Er hat im Blutkreislauf eine wichtige Rolle für die Gefässfunktion. Sein Mangel im Blut der Mutter (infolge des sFlt1-Anstiegs) könnte zumindest den Bluhochdruck plausibel erklären.

Ein anderer Auslöser könnte ein Mangel am „transforming growth factor beta“ (TGF beta) sein. Diese Substanz wird im Blut der gefährdeten Schwangeren von Endoglin abgefangen. Die starke Bindungsfähigkeit von Endoglin und sFlt1 wird darauf zurückgeführt, dass diese Moleküle in der Plazenta normalerweise als Rezeptor tätig sind. Sie sind dort ortsgebunden. Freigesetzt werden sie nur, wenn die Plazenta geschädigt ist - deshalb ihr Anstieg bei der Präeklampsie.

Die Nähe zu solchen krankheitsauslösenden Vorgängen könnte die Bedeutung für die Vorhersage und Früherkennung der Präeklampsie erklären. Frauen mit frühem Beginn der Präeklampsie hatten in der 17. bis 20.Woche Endoglinkonzentrationen, die mit 10,2 ng/ml doppelt so hoch waren wie bei den gesunden Kontrollen mit 5,8 ng/ml. Bei Frauen mit spät einsetzender Präeklampsie waren die Werte in der 25. bis 28. Woche erhöht: 8,5 ng/ml versus 5,9 ng/ml. Ein erhöhter Quotient aus sFlt1:PlGF könnte den Test noch verfeinern.
Wann ein solcher Test verfügbar sein könnte, ist hingegen nicht bekannt. Grundsätzlich verbietet es sich, allzu weit reichende Schlüsse aus einer Fall-Kontroll-Studie zu ziehen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat jedoch eine grosse Studie begonnen, in der die Nützlichkeit von sFlt1, Endoglin und PlGF zur Vorhersage der Präeklampsie untersucht werden soll.

Quelle: Levine, Richard J. et al.: NEJM 2006; 355, S. 992-1005

Stand: 10/06, BH