Chorionzottenbiopsie nicht riskanter als Amniozentese

Die vorgeburtliche Untersuchung der kindlichen Chromosomen wird Schwangeren ab dem Alter von 35 Jahren und in speziellen Risikosituationen angeboten. Nach weit verbreiteten Ansichten ist dabei die Chorionzottenbiopsie für den Feten gefährlicher als eine Amniozentese. Die höhere Fehlgeburtenrate scheint nach einer retrospektiven Studie jedoch heute nicht mehr zuzutreffen.

Die höhere Komplikationsrate der Chorionzottenbiopsie erscheint nur allzu plausibel, wird bei dieser Variante doch Gewebematerial aus der Plazenta entfernt, während sich die Amniozentese auf die Gewinnung einer Fruchtwasserprobe aus der Amnionhöhle beschränkt, was allerdings die versehentliche Verletzung des Feten durch die Nadel nicht ausschliesst. Deshalb sind in der Vergangenheit eine Reihe von Untersuchungen veröffentlicht worden, welche die Sicherheit beider Verfahren verglichen. Die meisten der Studien ergaben eine erhöhte Rate von Aborten im Anschluss an eine Chorionbiopsie.

Hier hat sich in den letzten Jahren aber einiges geändert. An der Universität von Kalifornien in San Francisco hat eine Forschergruppe Daten des dortigen Prenatal Diagnostic Center aus den Jahren 1983 bis 2003 ausgewertet. In diesem Zeitraum wurden 9.886 Chorionzottenbiopsien und 30.893 Amniozentesen durchgeführt, womit es sich um die grösste bisher publizierte Fallzahl handeln dürfte. Eingeschlossen waren nur Untersuchungen, die ein normales Chromosomenergebnis hatten. Diese Kinder hätten ohne Diagnostik ein normales, wenn auch sehr niedriges, Abortrisiko gehabt.

Über den Gesamtzeitraum konnten die Ergebnisse früherer Studien bestätigt werden. Die Abortrate betrug nach Chorionzottenbiopsie 3,12 Prozent und war damit viermal höher als nach Amniozentese (0,83 Prozent). Norton fiel jedoch auf, dass sich die Unterschiede in der Abortrate mit den Jahren immer weiter anglichen. Und in den Jahren zwischen 1998 und 2003 bestand kein signifikanter Unterschied mehr zwischen den beiden pränataldiagnostischen Methoden. Unter der Chorionzottenbiopsie kam es nur unwesentlich häufiger zum Abort. Worauf die steigende Sicherheit der Chorionzottenbiopsie zurückzuführen ist, bleibt letztlich offen. Neben der grösseren Erfahrung der Ärzte mit der Technik könnte die technische Verbesserung der Ultraschalluntersuchung eine Rolle gespielt haben.

Den Frauenärzten und Frauenärztinnen dürfte es deshalb generell heute leichter fallen, den Schwangeren zu einer Chorionzottenbiopsie zu raten, denn sie führt zu einem früheren Zeitpunkt zu einem definitiven Befund als die Amniozentese. Die Erfahrungen eines grossen Zentrums wie demjenigen in San Francisco dürfen allerdings nicht ohne weiteres auf andere Kliniken und andere Länder mit anders zusammengesetzten Patientinnen-Kollektiven übertragen werden. Jedes Zentrum ist wohlberaten, die eigenen Erfahrungen zum Massstab für die Empfehlungen zu nehmen.

Quelle: Caughey, A.B. et al: Obstetrics and Gynecology (2006; 108: 612-616)

Stand: 09/06, BH