Serotoninmangel als Ursache von SIDS?

Neue Untersuchungen bestätigen eine alte Vermutung, wonach Störungen im Hirnstamm für den Plötzlichen Kindstod (SIDS = sudden infant death syndrome) verantwortlich sind. US-Pathologen beschreiben Störungen im Serotoninstoffwechsel, die allerdings nicht die bekannten Umweltfaktoren widerlegen, nach denen etwa eine Bauchlage des Säuglings das SIDS-Risiko erhöht.

Seit den frühen 80er Jahren sucht die amerikanische Pathologin Hannah Kinney von der Kinderklinik Boston nach den Ursachen des SIDS, das Kinder im ersten Lebensjahr auf rätselhafte Weise über Nacht sterben lässt, ohne dass Zeichen äusserer Gewalt erkennbar sind und ohne dass Pathologen bei der späteren Autopsie Auffälligkeiten sehen können.

Die Ursache für SIDS wird seit langem im Hirnstamm gesucht, wo sich unter anderem das Atemzentrum befindet. Störungen in diesem Bereich könnten den plötzlichen Tod am ehesten erklären. Kinder, die auf dem Bauch liegend oder im Bett der Eltern schlafen (die wichtigsten Risikofaktoren), haben ein erhöhtes Risiko. Deshalb nahm man an, dass eine plötzliche Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff den Tod auslöst. Gesunde Kinder erwachen in einer solchen Situation und drehen sich um. Bei einem Säugling mit einer angeborenen Störung im Atemzentrum könnte dieser lebenswichtige Schutzmechanismus geschwächt sein.

Hannah Kinney vermutete die Ursache auf der Ebene des Neurotransmitters Serotonin. Die jetzigen Befunde scheinen ihr Recht zu geben. Die Forscherin konnte Stammhirnpräparate von zehn Kindern, die an SIDS starben, untersuchen. Sie fand eine im Vergleich zu Kontroll-Präparaten erhöhte Zahl von serotinergen Zellen im Hirnstamm, gepaart mit einem Mangel an Bindungsstellen für diesen Neurotransmitter. Diese könnte durch einen Kompensationsmechanismus bedingt sein. Ein Defizit im Serotoninspiegel führt zu einer Vermehrung der serotinergen Zellen mit dem Ziel, lebenswichtige Hirnstammfunktionen aufrecht zu erhalten. Dies gelingt aber nur teilweise. In Stresssituationen, die z.B. durch die Bauchlage im Bett begünstigt werden, kommt es dann zur Katastrophe.

Die Studie könnte mehrere Konsequenzen haben. Zum einen könnte es Pathologen erstmals ermöglichen, die Erkrankung eindeutig zu diagnostizieren. Damit wären dann die Eltern der Kinder vor staatsanwaltlicher Verfolgung geschützt, die immer wieder eingesetzt wird, wenn ein unklarer Kindstod vorliegt, der möglicherweise eine Kindstötung sein könnte. Zum zweiten dürfte die Studie die Suche nach den genetischen Gründen für den Serotonin-Mangel im Stammhirn ankurbeln, um vielleicht einen Test zu entwickeln, der das SIDS vorhersehbar macht. Da die meisten Fälle nicht familiär gehäuft auftreten, dürfte die Aussicht auf einen solchen Test allerdings eher gering sein.

Quelle: H. Kinney et al.: JAMA 2006; 296, S. 2124-2132

Stand: 11/06, BH