Irreversible Schäden durch Babyschwimmen?

Im April 2006 erschien im „ Le Matin Dimanche“ ein Artikel über die Gefahren des Babyschwimmens. Dies hat v.a. in der Westschweiz in der Öffentlichkeit Aufruhr hervorgerufen. Die Kinderärzte wurden mit Telefonanrufen überschwemmt, weshalb die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (SSPP) dazu eine Stellungnahme verfasst hat, die wir in verkürzter Form wiedergeben wollen:

Die Desinfektion von Schwimmbeckenwasser ist wichtig, um jegliche Kontamination mit organischen Stoffen und Keimen zu verhindern. Eine der verwendeten Methoden ist die Wasserfilterung, deren keimtötende Wirkung ist aber nicht ausreichend. Die meisten Schwimmbäder werden mittels Chlor oder Chlorverbindungen desinfiziert. Diese Substanzen wirken erfolgreich gegen Bakterien und Parasiten, ihre Effizienz ist hauptsächlich vom pH-Wert abhängig. Durch den Kontakt zwischen organischer Materie (wie Schweiss, Urin, Hautschuppen, Kosmetika) und Chlorderivaten entstehen Chloramine, die  für den starken Chlorgeruch in der Umgebung der Schwimmbäder verantwortlich sind, und Stickstofftrichloride. Letztere haben in den vergangenen Jahren sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil sie in erhöhter Konzentration in der Umgebungsluft der Schwimmbäder vorkommen, und eine schädliche Wirkung nicht ausgeschlossen werden konnte. Ein berufsbedingtes Asthma durch Einatmen dieser Gase wurde bei Bademeistern beschrieben.

Einige Studien in Belgien haben nun einen Zusammenhang zwischen der Besuchshäufigkeit geschlossener Schwimmbäder und der Zerstörung bestimmter Lungenzellen bei Kindern gefunden, insbesondere bei Säuglingen, welche am Babyschwimmen teilnahmen. Es wurden 341 Kinder im Alter von 10 Jahren untersucht, 43 davon hatten als Säuglinge am Babyschwimmen teilgenommen. Bei letzteren waren die Entzündungsmarker deutlich erhöht, asthmatische und bronchitische Symptome traten häufiger auf als bei den anderen. Zwischen den Gruppen wurde kein Unterschied in Bezug auf eine Atopie in der Familienvorgeschichte oder in immunologischen Blutwerten festgestellt, welcher das Resultat hätte erklären können.

Die in der selben Studie gemessenen Konzentrationen an Stickstofftrichlorid konnten Werte zwischen 500 und 1000 μg/m3 erreichen. Diese Konzentrationen sind hoch, aber in den meisten Ländern gibt es noch keine Grenzwerte. In der Schweiz gibt es Normen für die Wasserqualität in Schwimmbädern und Bauvorschriften für die Schwimmbecken, jedoch nicht für die Luftqualität. In den Vereinigten Staaten, in Frankreich und in Belgien gibt es bereits Empfehlungen für die Belüftung geschlossener Schwimmbäder.

Die Autoren richten ihre Aufmerksamkeit und Diskussion auf die Gefahren, denen die Kinder ausgesetzt sind (negative Auswirkungen auf die Lungenentwicklung, Verschlucken grosser Mengen chloraminhaltigen Wassers und Aufnahme von Chlorderivaten über die Haut). Ausserdem lernen Kleinkinder das Schwimmen oft in geschlossenen Schwimmbädern, in Becken mit geringer Wassertiefe und eng aufeinander, so dass die Chloraminkonzentration in der Luft deutlich ansteigt.

Interessant ist, dass eine der Sportarten, die Asthmatikern empfohlen wird, das Schwimmen ist. In der Tat wird beim Schwimmen nur sehr selten ein Anstrengungsasthma ausgelöst. Es wäre jedoch besser, vorsichtiger bei der Empfehlung zu sein, wenn es darum geht, dass asthmatische Kinder diesen Sport in geschlossenen Schwimmbädern ausüben. In einer einzigen Studie, allerdings bei nur acht erwachsenen Asthmatikern, wurde dieses Thema untersucht: Es zeigte sich eine deutlich verschlechterte Lungenfunktion nach Aufenthalt in einem Whirlpool. Selbstverständlich muss dieses Ergebnis in einer grösseren Studie mit asthmatischen Kindern noch bestätigt werden.

Auch wenn diese Studienergebnisse noch nicht abschliessend beurteilbar sind, dürfen sie nach Meinung der Experten nicht völlig ignoriert werden. Auch nach den ersten Studien zur Bedeutung der Luftqualität oder der Wirkung des Passivrauchens auf die Lungen wurde diesen Problemen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt, das Ausmass der Schäden war noch nicht bekannt. Der Zusammenhang wurde erst später mittels grösserer Studien bewiesen.

Grundsätzlich muss nach Meinung der Kinderärzte Risiko und Nutzen des Schwimmunterrichts in jungem Alter abgewogen werden. Dabei darf trotz aller Besorgnis Folgendes nicht vergessen werden: Anfang der 70er Jahre betrugen die Todesfälle durch Ertrinken bei Kindern unter 14 Jahren 60-85 Kinder pro Jahr. In den 90er Jahren ist dieser Wert um das 4fache gesunken. Einer der Hauptgründe für die Senkung der Sterblichkeitsrate bei Kindern durch Ertrinken ist die grosse Verbreitung des Schwimmunterrichts und die Förderung von Vorsorgemassnahmen. Ein erneutes Ansteigen dieser nicht zu vernachlässigenden Todesursache beim Kind durch drastische, unüberlegte Massnahmen wäre absolut nicht wünschenswert!

Folgende Massnahmen im Schwimmbadbereich sollten getroffen werden:

  • Chloramingehalt (NCl3) in der Luft der Schwimmbäder messen
  • Bildung von Chloraminen reduzieren durch obligatorisches Duschen vor dem Schwimmen und Tragen von Badekappen, alternative Wasserdesinfektion (Kalium Monopersulfat, UV, Ozon, Kupfer-Eisen Elektrolyse-Systeme), adequate Belüftung der geschlossenen Schwimmbäder, keine Luftrezirkulation

Praktische Tipps für Eltern:

  • Freibäder und grosse Schwimmbecken bevorzugen.
  • starker Chlorgeruch in Schwimmbädern ist hinweisend für einen erhöhten Chloramingehalt in der Luft.
  • Kinder, die an Asthma oder chronischer Bronchitis leiden, sollten häufige Besuche
    geschlossener Schwimmbäder mit hohem Chloramingehalt vermeiden.

Diese Stellungsnahme wurde von der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie unter der Leitung von Prof. Dr. Constance Barazzone Argiroffo von der Universität Genf verfasst. Den ausführlichen Artikel finden Sie hier: www.swiss-paediatrics.org/paediatrica/vol17/vol17n3/pdf/69-70.pdf

Bitte beachten Sie unser Experten-Interview mit Monica Odermatt zum Thema "Babyschwimmen".

Stand: 7/06, BH