Schlechte Chancen für extrem Frühgeborene

Die Prognose von Kindern, die vor der 26. Schwangerschaftswoche geboren werden, ist immer noch sehr schlecht. Nur wenige dieser Kinder sind ohne Behinderungen, wenn sie im Alter von sechs Jahren eingeschult werden, wie die britische EPICure-Studie jetzt gezeigt hat. Sie umfasst alle extrem unreifen Frühgeborenen, die zwischen März und Dezember 1995 in Grossbritannien und Irland zur Welt kamen und danach optimal betreut wurden. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es eine Grenze der Lebensfähigkeit bei Frühstgeburten gibt. Von den Kindern, die in der 22. Woche geboren wurden, konnten nur 1% lebend aus der Klinik entlassen werden. Die Rate steigt auf 11 % bei der Geburt in der 23. Woche, auf 26 % in der 24. Woche und auf 44 % in der 25. Woche.

Bei den 308 überlebenden Kinder wurde im Alter von sechs Jahren ihr Entwicklungsstand mit dem von 160 Klassenkameraden verglichen. 22 % der extremen Frühgeburten hatte schwere Behinderungen wie eine Zerebralparese, einen deutlich (um drei Standardabweichungen) verminderten IQ, Hörstörungen oder Blindheit. Weitere 24 % hatten mittelgradige Behinderungen. Dazu wurden neurologische Behinderungen gezählt, die das Kind aber nicht gehunfähig machten, oder ein mässig (zwischen zwei und drei Standardabweichungen) verminderter IQ. Einige Kinder trugen Hörgeräte, andere hatten Sehstörungen. Weitere 34 % der Kinder waren leicht behindert. Sie hatten einen leicht (um ein bis zwei Standardabweichungen) verminderten IQ, minimale Bewegungseinschränkungen oder leichte Hör- und Sehstörungen. Nur 20 Prozent der Kinder, die die Neonatalperiode überlebt hatten, waren bei der Einschulung frei von Behinderungen.

Die Leitlinien der deutschen gynäkologischen und pädiatrischen Fachgesellschaften sehen deshalb davon ab, bei Kindern vor der 23. Woche Wiederbelebungsversuche zu unternehmen, da die Kinder nicht lebensfähig sind. Vielfach würden diese jedoch von den Eltern gefordert, zumal es immer wieder Presseberichte über “Wunderkinder” gebe, die trotz der extremen Unreife überleben. Zwischen der 22. und 23. Woche müsse wegen der zu erwartenden Behinderungen neben den “kindlichen auch die mütterlichen/elterlichen Interessen” berücksichtigt werden. Ab der 24. Woche habe das Überlebensrecht der Kinder oberste Priorität.

Quelle: Neil Marlow et al.: NEJM 2005; 352: S. 9-19.

Stand: 3/05, B.H.