Paukenröhrchen nach Mittelohrentzündung häufig unnötig

Die Mittelohrentzündung (Otitis media) ist nach der Erkältung die häufigste Erkrankung im Kindesalter. Bei manchen Kindern bildet sich der Erguss in der Paukenhöhle auch nach einer Behandlung mit Antibiotika nicht sofort zurück. Lange Zeit wurde dann als nächste Massnahme die Einlage eines Paukenröhrchens (Myringotomie) empfohlen, damit der Erguss abfliessen kann. Das sollte Entwicklungsstörungen aufgrund von Hörstörungen des Kindes verhindern.

Dies hat sich in den letzten Jahren geändert, nicht zuletzt wegen einer randomisierten kontrollierten Studie, die unter der Leitung von Jack Paradise, Universität Pittsburgh, zwischen 1991 und 1995 an mehreren US-Zentren durchgeführt wurde. An der Studie nahmen 429 Kinder mit chronischem Paukenerguss (seit 135 Tagen bei einseitiger und seit 90 Tagen bei beidseitiger Otitis media) teil, bei denen entweder sofort ein Paukenröhrchen gelegt wurde oder bis zu neun Monate abgewartet wurde. Bei Letzteren konnte dadurch die Hälfte der operativen Eingriffe vermieden werden, ohne dass die Kinder dadurch einen Nachteil in ihrer Entwicklung hatten.

Die ersten Ergebnisse hatten Paradise und Mitarbeiter bereits 2001 publiziert. Damals waren die Kinder im Alter von drei Jahren untersucht worden. Die Autoren fanden keinen Hinweis, dass die abwartende Strategie zu Entwicklungsstörungen geführt hätte (NEJM 2001; 344: 1179-87). Die Studie zeigte umgehend eine Wirkung in der Praxis der Kinder- und HNO-Ärzte: Im letzten Jahr wurde die Leitlinie der US-Fachgesellschaften dahingehend revidiert, dass anderweitig gesunde Kinder mit andauerndem Erguss alle drei bis sechs Monate beobachtet werden sollten. Ein Paukenröhrchen sollte erst dann gelegt werden, wenn es zu einem signifikanten Hörverlust oder zu anderen Zeichen einer Schädigung im Mittelohr gekommen ist - und nicht mehr vorsorglich (Pediatrics 2004; 113; 1412-1429).

Paradise und Mitarbeiter haben die Kinder jetzt im Alter von sechs Jahren nochmals untersucht. Dabei wurden 30 verschiedene Tests zur intellektuellen Entwicklung durchgeführt. In keinem ergaben sich Nachteile für die Kinder, die nicht sofort ein Paukenröhrchen erhalten hatten. Mit der jetzigen Studie dürfte sich die abwartende Behandlungsweise wohl endgültig durchsetzen. Die Autoren betonen jedoch, dass die Ergebnisse nicht verallgemeinert werden dürfen. Sie gelten streng genommen nur für anderweitig gesunde Kinder. Bei behinderten Kindern (wenn etwa bereits eine sensorische Hörstörung besteht) kann eine operative Vorgehensweise rascher erforderlich sein.

Quelle: J.L. Paradise et al.: New England Journal of Medicine 2005; 353, S. 576-586

Stand: 8/05, B.H.