Ausgedehnter Dammschnitt – häufig unnötig

Bei fast der Hälfte aller Geburten in der Schweiz wird ein Dammschnitt (Episitotomie) durchgeführt. Vor allem in Notfallsituationen hofft man, mit einem besonders grosszügigen Schnitt eine Beschleunigung der Geburt zu erreichen. Denn wenn sich die Schulter des Ungeborenen im letzten Abschnitt der Geburt verkeilt (Schulterdystokie), droht ein Sauerstoffmangel des Kindes (Asphyxie) mit einer Schädigung des Gehirns. Auch Geburtsverletzungen sind gefürchtet, v.a. die Schädigung von Nerven im Schulterbereich des Babys mit bleibender Lähmung des Armes.

US-Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass die Komplikationsrate durch einen erweiterten Dammschnitt keineswegs gesenkt werden kann. Das Ergebnis überrascht nicht, denn bei der Schulterdystokie handelt es sich um ein Hindernis im knöchernen Geburtskanal, der durch den Dammschnitt nicht geweitet werden kann, wie die Forscher erklären. Statt dessen gehe dem Geburtshelfer durch den Schnitt unnötig Zeit verloren, die er für die Geburtsführung dringend benötige. Nur sechs bis acht Minuten bleiben ihm, um das Kind so zu drehen, dass es den knöchernen Geburtskanal durchtreten kann, bevor mit Hirnschäden oder gar Ersticken des Kindes zu rechnen ist. Und die Rate der Nervenverletzungen durch den Dammschnitt war sogar um 35 Prozent höher als in der Kontrollgruppe.

Angesichts dieser Ergebnisse fordern die Forscher, dass eine erweiterte Episiotomie bei Geburtsverzögerungen im knöchernen Becken nur noch in Ausnahmefällen durchgeführt werden sollte. Der Schnitt stelle für die Mutter einen nicht ungefährlichen chirurgischen Eingriff dar, bei dem mit Komplikationen vom weiteren Einreissen des Damms bis hin zu schwerwiegenden Verletzungen des Darms mit nachfolgender Inkontinenz gerechnet werden muss. 

Quelle: E. Gurewitsch et al.: American Journal of Obstetrics and Gynecology , news release, Oct. 5, 2004

Stand: 11/04, B.H.