Frau liegt Bäuchlings auf mobilem Massagetisch

Entspannung und Linderung durch Schwangerschaftsmassage

swissmom: Schwangerschaftsmassage ist in der Schweiz nicht sehr verbreitet. Wie haben Sie zu diesem Spezialgebiet gefunden? 

Gabriela Opprecht: Vor über zehn Jahren wurde eine Freundin, welche bereits zu mir in die Massage kam, schwanger. Ich durfte sie während ihrer Schwangerschaft weiter massieren und begleiten, wir waren aber beide nicht sehr glücklich mit den Möglichkeiten zu liegen, die es gab. Eine Massage im Sitzen kam nicht in Frage, da dies nicht entspannend ist und auch die Seitenlage auf einer Massageliege war nicht ideal. In Seitenlage liegt man sehr hart, es lastet Druck auf der Schulter und das Becken wird nicht unterstützt. So war für uns beide auch dies nicht zufriedenstellend, weshalb ich mich auf die Suche nach besseren Möglichkeiten gemacht habe. Da ich in der Schweiz nicht fündig wurde, fing ich an, meinen Radius zu erweitern. Bei meiner Suche stellte ich fest, dass die Schwangerschaftsmassage beispielsweise in den USA sehr verbreitet ist. In den deutschsprachigen Ländern wird die Schwangerschaftsmassage sehr stiefmütterlich behandelt, aber in den meisten anderen Ländern ist sie gang und gäbe. In vielen Ländern wird sie beinahe in jedem Spa angeboten. So fand ich spezielle Kissen, auf denen die Schwangeren wie bei einer gewöhnlichen Massage mit dem Gesicht nach unten liegen können. Nachdem ich verschiedene solcher Kissen angeschafft hatte, ging ich später auch ins Ausland, um mich weiterzubilden. Masseure aus der Schweiz haben mir zum Teil davon abgeraten, dies zu tun, darum nahm ich Kontakt auf mit Hebammen und Gynäkologinnen. Diese bestärkten mich schon damals und waren der Meinung, es sei eine gute Sache, die den werdenden Müttern helfen könne. 

swissmom: Dann liegt es also auch an der Skepsis von Fachleuten, dass Schwangerschaftsmassage in der Schweiz weniger verbreitet ist? 

Gabriela Opprecht: Ja, das ist so. Viele Masseure und selbst manche Physiotherapeuten sagen, sie würden Schwangere nicht massieren. Natürlich muss man gewisse Dinge wissen und beachten, beispielsweise bezüglich der Lagerung, der Behandlungsintensität und der Massagetechnik. Man braucht auch die Erfahrung und die Ausbildung. Aber Schwangerschaft ist ein Zustand, keine Krankheit und wenn Frauen die Überzeugung haben: "Das tut mir gut, ich möchte eine Massage", dann gibt es nur wenige Gründe, es nicht zu machen. Wenn eine schwangere Frau zum ersten Mal in die Massage kommt, dann bewegt sich das Baby in den ersten fünf bis zehn Minuten etwas stärker, wenn sie auf dem speziellen Massagekissen mit dem Gesicht nach unten liegt. Bei der zweiten oder dritten Massage wird das Baby aber schon ganz bald ruhig. Die Mütter sagen jeweils, sie hätten den Eindruck, das Baby schlafe. Den Babys geht es gut während der Massage und sie scheinen es ebenfalls zu geniessen. 

Zur Person

Gabriela Opprecht ist ausgebildete Masseurin und Dozentin an verschiedenen Massage-Fachschulen. Durch Weiterbildungen im Ausland hat sie sich auf dem Gebiet der Massage während der Schwangerschaft und nach der Geburt spezialisiert. Weitere Infos unter schwangerschafts-massage.ch

Zur Person

swissmom: Wie muss man sich denn die Spezialkissen vorstellen, dank denen werdende Mütter auf dem Bauch liegend massiert werden können? 

Gabriela Opprecht: Es sind Kissen, die man unterschiedlich aufpolstern kann, so dass sie für den Bauch immer mehr Platz bieten. Wenn die Frau darauf liegt, bildet sich eine Art Bettchen, denn es ist sehr wichtig, dass der Bauch nicht frei hängt. Der Körper ist gestützt durch den weichen Schaumstoff, liegt aber nur auf dem Becken, dem Brustkorb sowie dem Schlüssel- und dem Brustbein auf. Das Kissen ist zwar rundherum gut spürbar, drückt aber nicht. Die Öffnung für den Bauch lässt sich bis zum Ende der Schwangerschaft stets vergrössern und aufpolstern, so dass eigentlich jeder Bauch Platz hat.

swissmom: Welche Möglichkeiten gibt es für Frauen, die trotz des bequemen Kissens nicht auf dem Bauch liegend massiert werden möchten? 

Gabriela Opprecht: Diese Frauen können in der Seitenlage liegen. Auch dafür gibt es ein spezielles Kissen, auf dem man mit dem ganzen Oberkörper aufliegt. Das Kopfkissen sorgt dafür, dass die Schulter freiliegt und nicht gequetscht wird. Dadurch, dass der Oberkörper auf dem Kissen liegt, wird das Becken entlastet, auch der Bauch und das Bein werden gestützt. So kann eine schwangere Frau in der Seitenlage ebenfalls sehr bequem liegen. 

swissmom: Welche Schwangerschaftsbeschwerden können durch eine Rückenmassage gelindert werden?

Gabriela Opprecht: Eine Rückenmassage hilft bei muskulären Beschwerden und Verspannungen, beispielsweise bei Lenden- oder Rückenschmerzen und Verspannungen im Schulterbereich, die durch die veränderte Körperhaltung entstehen. Wenn eine Frau mit dem Gesicht nach unten liegt, kann man sehr gut im Bereich des Beckens arbeiten, zum Beispiel, um Blockaden zu lösen. Es ist natürlich nie so, dass durch die Massage alle Beschwerden weg sind, aber beispielsweise bei Lendenschmerzen, Schulter- und Nackenschmerzen oder Ischiasbeschwerden kann man sehr viel Linderung bewirken. 

swissmom: Welche Vorzüge bringt die Lymphdrainage in der Schwangerschaft?  

Gabriela Opprecht: Diese verschafft vor allem bei Schwellungen und Stauungen in den Beinen Linderung. Auch bei Schweregefühl oder Brennen in den Füssen bringt sie Besserung. Allerdings geht es hier mehr darum, die Symptome zu bekämpfen, denn wenn eine Frau viel stehen muss, kehren die Beschwerden nach einiger Zeit wieder zurück. Wenn im Becken etwas verschoben ist, kann man das mithilfe einer Massage lösen und eine anhaltende Besserung bewirken, bei Schwellungen ist das natürlich anders, die kommen nach einiger Zeit wieder zurück. Darum arbeite ich hier zusätzlich mit Lymphtapes. 

swissmom: Was bewirken diese Tapes? 

Gabriela Opprecht: Sie wirken nicht so intensiv wie eine manuelle Lymphdrainage, bieten aber eigentlich rund um die Uhr eine Mini-Lymphdrainage. Die Tapes haften fünf bis sieben Tage auf der Haut und sind eine grosse Hilfe. Die Beschwerden sind nicht weg, aber es gibt eine deutliche Besserung. Frauen, die Venenbeschwerden haben oder bei denen ein Thrombose-Risiko besteht, müssen jedoch Stützstrümpfe tragen, für sie eignen sich die Lymphtapes nicht. 

swissmom: Welche Vorteile bringt eine Fussreflexzonenmassage in der Schwangerschaft? 

Gabriela Opprecht: Über die Füsse besteht die Möglichkeit, auf die organischen Systeme einzuwirken. In der Schwangerschaft leiden viele Frauen unter Verdauungsbeschwerden und Verstopfung. Da kann man mit der Reflexzonenmassage ohne Medikamente Linderung bewirken. Auch bei Übelkeit, Unwohlsein und anderen klassischen organischen Schwangerschaftsbeschwerden kann sie einen positiven Einfluss haben. 

swissmom: Gibt es Fälle, in denen eine schwangere Frau auf Massagen verzichten sollte? 

Gabriela Opprecht: Frauen, die eine Risikoschwangerschaft haben, sollten verzichten, beziehungsweise mit ihrem Gynäkologen oder ihrer Gynäkologin abklären, ob eine Massage möglich ist. Besteht jedoch beispielsweise ein Thrombose-Risiko, sollte man definitiv von einer Massage absehen. Auch bei frühzeitigen Wehen oder einem schlechten Allgemeinzustand sollten Schwangere auf Massagen verzichten. Wenn Frauen eine Massage möchten, jedoch unsicher sind, dürfen sie bestimmt jederzeit bei ihrem Arzt, ihrer Ärztin oder ihrer Hebamme nachfragen. Im Weiteren stehe ich den Frauen sehr gerne jederzeit für mehr Informationen zur Verfügung. 

swissmom: Sie empfehlen die Schwangerschaftsmassage ab dem 4. Schwangerschaftsmonat. Warum sollte eine Frau sich nicht bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel massieren lassen?

Gabriela Opprecht: Dies liegt daran, dass in den ersten drei Monaten die meisten Veränderungen im Körper stattfinden. Da sind einerseits die ganzen hormonellen Veränderungen, andererseits die körperlichen und psychischen Veränderungen. Der Körper bildet mehr Flüssigkeiten und das Kind muss sich gut einnisten. Aus diesem Grund ist es besser, wenn man dem Körper diese Zeit der Veränderung lässt und einige Wochen abwartet. Die Gynäkologen und Hebammen, mit denen ich mich zu diesem Thema ausgetauscht habe, waren sich jedoch einig, dass es kaum möglich sei, durch eine Massage bei einer gesunden, normal verlaufenden Schwangerschaft eine Frühgeburt auszulösen. 

swissmom: Sie bieten auch Massagen nach der Geburt an. Dienen diese ausschliesslich der Entspannung, oder helfen sie auch bei Beschwerden, die im Alltag mit dem Neugeborenen auftreten? 

Gabriela Opprecht: Nach der Schwangerschaft und der Geburt verändert sich die Körperhaltung erneut. Durch das Stillen und das einseitige Tragen ist der Körper oft enorm verspannt. Da hat Massage einen positiven Einfluss, zum Beispiel durch das Lösen von Verspannungen und das Entlasten der Lenden- und Beckenmuskulatur. Nach der Schwangerschaft verwende ich die Spezialkissen noch relativ lange, dann einfach ohne Zwischenpolster. Da die Brust durch das Stillen weicher und empfindlicher ist, liegen die Frauen so viel bequemer. Dadurch können sie sich ganz anders entspannen und auch mal abschalten, das Kind eine Stunde beim Papa lassen und ein wenig zur Ruhe kommen. Wenn eine Frau im Becken Schmerzen hat, kann man dieses zusätzlich mit einem Tape ein wenig stabilisieren und die Beschwerden lindern. 

swissmom: Wie sieht es mit der Kostenübernahme der Massage durch die Krankenkasse aus? 

Gabriela Opprecht: Massagen werden über die Zusatzversicherung abgegolten, es bleibt aber ein Selbstbehalt, den man selber bezahlt. Ob die Kosten übernommen werden, hängt einerseits von der Versicherung ab, andererseits davon, ob der Therapeut von den Krankenkassen anerkannt ist. Bei mir wird in der Regel von den meisten Krankenkassen ein Teil der Kosten übernommen, jedoch empfehle ich den Frauen jeweils, mit der Krankenkasse Rücksprache zu halten, damit sie sicher sind, ob die Kosten übernommen werden oder nicht. 

swissmom: Wie finden Frauen ein Angebot für Schwangerschaftsmassage in ihrer Nähe? 

Gabriela Opprecht: Am besten ist es, beim Gynäkologen oder der Hebamme nachzufragen. Zuweilen gibt es auch Hebammen, die Schwangerschaftsmassagen anbieten. Oft finden sich auch Adressen übers Internet. Wichtig ist, darauf zu achten, ob die Person für Schwangerschaftsmassagen ausgebildet ist und von den Krankenkassen anerkannt wurde. 

Letzte Aktualisierung : 09.2018, TV

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