Etwa 1-3 % der Bevölkerung leidet an einer rheumatischen Erkrankung, und darunter sind natürlich auch Frauen, die schwanger werden wollen oder es schon sind. Unsicherheiten gibt es dann oft, ob und welche Komplikationen zu befürchten sind, welche der Medikamente noch weiterhin genommen werden dürfen und welche schädlich für das Ungeborene sind.
Das wichtigste Kriterium für eine möglichst problemfreie Schwangerschaft und Geburt ist eine langfristige Vorbereitung. Patientinnen sollten ihren Kinderwunsch schon äussern, bevor die Einstellung auf bestimmte Medikamente erfolgt. Denn einige Wirkstoffe können den Eisprung verhindern. Andere Substanzen müssen einige Monate vor der geplanten Empfängnis abgesetzt werden, um Langzeitwirkungen auf das Kind auszuschliessen. Eine Schwangerschaft sollte zudem optimalerweise in eine ruhige Krankheitsphase fallen. Für die Einnahme von Medikamenten während der Schwangerschaft gilt grundsätzlich "so wenig wie möglich, so viel wie nötig". Doch dabei gibt es wesentliche Unterschiede.
Rheumatoide Arthritis (RA): Betroffen sind bei dieser Rheumaform v.a. die Gelenke der Hände und Füsse. Bei Schwangeren tritt oft eine eindrückliche Verbesserung der Symptome ein, die meist schon im ersten Drittel beginnt und erfahrungsgemäss auch in nachfolgenden Schwangerschaften beobachtet wird. In den ersten drei bis sechs Monaten nach der Geburt muss allerdings mit einem Wiederaufflammen der Arthritis gerechnet werden, und dies unabhängig davon, ob noch gestillt wird oder die Menstruation schon wieder eingesetzt hat. Die RA erhöht weder das Risiko für Fehlgeburten oder Frühgeburten noch wirkt sie sich auf das Geburtsgewicht des Kindes aus. Einer vaginalen Entbindung steht auch nichts im Wege.
Spondylitis ankylans (SA): Die Beschwerden bei dieser rheumatischen Erkrankung bleiben meist unverändert in der Schwangerschaft; erst im letzten Drittel kann eine Besserung eintreten. Kontrolliert werden muss, ob es zu einer behandlungsbedürftigen Komplikation am Auge, der akuten Uveitis (Iritis, Iridozyklitis) kommt. Der Schwangerschaftsverlauf selbst ist aber normalerweise unproblematisch. Die Geburt ist auch bei aktiver Arthritis oder einer Versteifung der Beckengelenke auf normalem Wege, also vaginal, möglich, sofern das Kind nicht zu gross ist. Vier bis zwölf Wochen nach der Geburt kommt es bei den meisten Frauen zu einer Verschlimmerung der Beschwerden.
Systemischer Lupus erythematodes (SLE): Der "Lupus" ist eine schubweise verlaufende, chronisch-entzündliche Autoimmun-Erkrankung mit Befall zahlreicher Organe. Gelenkbeschwerden sind häufig das erste Symptom, die schmetterlingsförmige Rötung an Wangen und Nasenrücken das auffallendste Zeichen. Während der Schwangerschaft und auch im Wochenbett kann die Erkrankung einen neuen Schub bekommen, v.a. wenn zu Beginn der Schwangerschaft eine aktive Phase schon bestand. Betroffen sind meist dieselben Organsysteme. Schwangerschaftskomplikationen sind etwas häufiger (Fehlgeburten, intrauterine Wachstumsstörungen und Frühgeburten).
Früher hat man LSE-Patientinnen mit Nierenentzündung (Lupus-Nephritis) von einer Schwangerschaft abgeraten. Dazu besteht heute kein Grund mehr, vorausgesetzt, die Nierenfunktion und der Blutdruck sind in Ordnung. Allerdings besteht ein erhöhtes Risiko für eine Präeklampsie, weshalb engmaschige Kontrollen notwendig sind.
Bei LSE-Patientinnen mit Ro- und La-Antikörpern im Blut können diese vorgeburtlich auf das Kind übertragen werden und zu einem neonatalen Lupussyndrom führen, was allerdings sehr selten ist. Ein weiterer Sonderfall sind SLE-Schwangere mit dem Antiphospholipidsyndrom, die zu Thrombosen, Fehlgeburten und Frühgeburten neigen. Dann ist eventuell eine Behandlung mit dem Blutverdünner Heparin oder Acetylsalicylsäure notwendig.
Systemische Sklerose (SS): Da die Erkrankung meist erst um das 40. Lebensjahr beginnt, ist eine Schwangerschaft bei SS-Patientinnen eher selten. Solange keine pulmonale Hypertension (Lungenhochdruck) oder Nierenerkrankung vorliegt, gibt es keinen Grund, der gegen einen Kinderwunsch spricht. Die Schwangere sollte dann aber engmaschig überwacht werden, weil bestehende Symptome (z.B. der Ösophagus-Reflux) sich verstärken können.
Das Nationale Zentrum für Mütterberatung und Familienplanung bei Rheuma-Erkrankungen am Inselspital in Bern hilft Frauen und Männern mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen bei Kinderwunsch und Frauen in einer Schwangerschaft: http://muetterzentrum-ria.insel.ch/
Stand: 10/08, BH
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