Christoph Popp ist vielseitig. Von Beruf ist er Heilpädagoge, Berater, Vätercoach. Seit über 20 Jahren teilt er mit seiner Partnerin die Verantwortung für Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit. Er arbeitet in einer 60%-Anstellung als Qualitätsleiter/Koordinator in der Geschäftsleitung einer Behindertenorganisation. Seine Kinder, eine Tochter und ein Sohn, sind in Berufsausbildung. Er hat eine Doppelfunktion als Präsident von www.vaeternetz.ch sowie als Projektleiter von www.vaetergewinnen.ch inne. Christoph Popp lebt in Trogen (AR).

VäterNetz.ch

swissmom: Welche Ziele bietet die Plattform Väternetz.ch?

Christoph Popp: Väternetz ist ein nationaler Verbund von Fachpersonen der Väterarbeit. Wir pflegen den Fachaustausch untereinander, führen Projekte durch und tragen mit unserer Vernetzung dazu bei, dass lokale bzw. regionale Projekte und Initiativen der Väterarbeit auch nationale Resonanz erhalten.
Wir wollen aus fachlicher Perspektive dafür sorgen, dass Bedeutung und Rolle der Väter wieder vermehrt ins Blickfeld kommen. Denn in einer Zeit, in der die Logik der Ökonomie unser aller Leben bestimmt, sehen sich viele Väter auf „zeugen und ernähren“ reduziert. Das ist jedoch eine fatale Entwicklung, denn die Vaterrolle ist – etwa entwicklungspsychologisch betrachtet – von grosser, wenn auch häufig unterschätzter Bedeutung.

swissmom: Wie wurden Sie zum Experten in Sache Vaterschaft?

Christoph Popp: Zunächst mal durch meine Kinder – diese sorgten für ständige Herausforderungen und forderten meine Selbstreflexion. Als Heilpädagoge bin ich jedoch auch beruflich für erzieherische Fragen, für Fragen des Zusammenlebens und der Lebensgestaltung sensibilisiert. Dass ich während unserer gesamten Familienphase stets Teilzeit-Stellen belegt und mich zeitgleich auch aktiv in der Haus- und Familienarbeit eingebracht hatte, hat jedoch erst richtig das Bedürfnis geweckt, mich mit anderen Vätern zu vernetzen und mich vertieft mit dieser Rolle auseinanderzusetzen.

swissmom: Wie unterstützt Väternetz junge Väter/Eltern, den Stellenwert der Haus- und Familienarbeit beider Elternteile zu erhöhen?

Christoph Popp: Väternetz leistet dazu „nur“ indirekte Unterstützung, weil unsere Aufgabe in der Vernetzung der Fachpersonen bzw. Multiplikatoren liegt. Wir tragen jedoch bestimmt zur Erhöhung des Stellenwerts der Haus- und Familienarbeit bei, weil wir die Väterthematik als fachliche Disziplin aufnehmen und konsequent für partnerschaftliche Rollenteilung plädieren. Denn wir sind überzeugt, dass Männer nur gewinnen können, wenn Sie von eindimensionalen Lebenskonzepten abrücken und sich auch echte und über den Feierabend hinausgehende „Familienzeit“ gönnen. Vatersein ist eine Lebensaufgabe, die auch die dafür nötige Zeitressource verdient.
Diese Überzeugung führte z.B. dazu, dass im ForumMann Ostschweiz das Projekt „Väter gewinnen – Vernetzung und Coaching von Männern in der Haus- und Familienarbeit“ konzipiert und durchgeführt worden ist. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann hat dieses Projekt unterstützt. Das Projekt wurde nach 2,5 jähriger Laufzeit auf Ende 2006 beendet – ein Fortsetzungsprojekt ist derzeit in Planung.

swissmom: Väter müssen in Ihrer Männerrolle als Vater einiges aufholen. Was gehört zum neuen Vaterbewusstsein?

Christoph Popp: In dieser Art Fragestellung könnte die Meinung mitschwingen, Mütter seien schon dort – und Väter müssten „dorthin“ aufholen. Doch Väter müssen nicht „bessere Mütter“ werden – es geht nicht um „gleich werden“ oder „besser machen“. Die besondere Bedeutung des Vaters liegt schlicht und einfach in der Tatsache, dass er ANDERS ist als die Mutter. Damit – mit seinem Muskeltonus, seiner Stimme, seiner Risikofreude etc. - eröffnet er schon dem Kleinkind ein kleines Stück Welt und die unerhört wichtige Erfahrung, dass es neben der Mutter noch etwas anderes gibt. Hier liegt die Wurzel zu einem gesunden und angemessenen Ablösungsprozess des Kindes aus der anfänglich naturgemäss symbiotischen Beziehung zur Mutter. Väter müssen also nichts Besonderes leisten, sondern vor allen Dingen da sein, sich ins alltägliche Leben einbringen, authentisch, mit allen Ecken und Kanten - selbstverständlich aber respektvoll und kommunikationsbereit. Nicht mehr und nicht weniger. Und ab und zu gilt es, selbstbewusst dafür einzustehen, dass das väterliche „Anderssein“ seine Berechtigung hat und nicht den Normen der Mutter unterstellt werden muss. Gerade in diesem Zusammenhang ermuntern wir Väter, in regelmässigen Austausch mit anderen Vätern zu treten. Im Rahmen des Projekts www.vaetergewinnen.ch sind lokale „Väterrunden“ entstanden, in denen gegenseitige Unterstützung und Ermutigung unter Männern funktionieren kann.

swissmom: Welche Anforderungen werden an die zukünftigen Mütter gestellt?

Christoph Popp: Die vorhergehenden Sätze haben es schon angedeutet. Mütter, die ihren Kindern einen greifbaren Vater ermöglichen wollen, müssen bereit sein, ein Stück weit „Platz zu machen“ – und zwar nicht nur physisch und punkto Ordnung in der Küche, sondern auch emotional. Manche Mutter hat sich – ob bewusst oder nicht – quasi ein „Beziehungsmonopol“ gegenüber ihren Kindern erarbeitet. Dieses gilt es selbstkritisch zu reflektieren. Überdies: Mütter, die ebenfalls einen Teil zum Erwerbseinkommen der Familie beitragen und währenddessen ihren Partner bei den Kindern wissen, tun sich auch selbst etwas zuliebe: Sie bleiben beruflich à jour, sorgen so für Abwechslung, neue Kontakte und andersgeartete Herausforderungen.


swissmom: Für neue Gesellschaftsformen muss vor allem die Wirtschaft, aber auch die Politik bereit sein. Welche Rahmenbedingungen und Voraussetzungen braucht es?

Christoph Popp: Bundesrätin Leuthard hat mit der Ankündigung eines Vaterschaftsurlaubes, mehr aber noch mit ihrem Bekenntnis zu Teilzeitstellen (auch auf Kaderstufe) hoffnungsvolle Zeichen gesetzt – diese werden ausstrahlen, selbst wenn dies noch etwas Geduld braucht. Es gibt schon diverse Untersuchungen, die aufzeigen, dass Familienfreundlichkeit und Job-Sharing-Modelle durchaus auch wirtschaftlich bzw. monetär attraktiv sind. Dass dies in der Schweiz noch nicht auf breiter Basis erkannt wurde, liegt in erster Linie an „Barrieren im Kopf“. Umliegende Länder und besonders die skandinavischen Staaten sind da um einiges voraus – doch wir geben die Hoffnung nicht auf, dass auch bei uns mal Elternzeitmodelle ganz normal sein werden, die sehr weit über einen fünftägigen Vaterschaftsurlaub hinausgehen.

swissmom: Welche besondere Fähigkeiten braucht es im Erwerbs- wie auch im Familienleben?

Christoph Popp: Dass die Haus- und Familienarbeit ein durchaus anspruchsvolles Feld ist und viele „Managementfähigkeiten“ bildet, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Gerade deshalb sind wir der Meinung, dass jetzt auch die Väter die Chance erhalten sollten, im Familienbereich emotionale und soziale Kompetenzen aufzubauen – und sich damit auch einen Ausgleich zum hektischen und immer stärker konkurrenzgeprägten Arbeitsleben zu gönnen. Egalitäre Rollenmodelle sind aber nicht umsonst zu haben: Es braucht die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, Verlässlichkeit und vor allem eine hohe Bereitschaft zur Kommunikation. Und es braucht die Bereitschaft, sich immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen und auf absolute („patriarchalische“) Positionen zu verzichten.

swissmom: Um ein eigenes Vaterprofil zu schaffen, braucht es auch Vaterzeit. Welche Teilzeitpensen sind dazu für Eltern ideal?

Christoph Popp: Das hängt stark vom Alter der Kinder und von den Berufen der Eltern ab. Ein 80%/20%- Modell ist schon mal etwas und ein absolut wichtiger Schritt. Wenn sich aber punkto Verantwortung für das Erwerbseinkommen wie auch punkto Verantwortung im Haus- und Familienbereich eine paritätische Aufteilung ergeben soll, dann braucht es mehr. Ideal ist es, wenn beide Elternteile einigermassen gleichwertige Berufsausbildungen haben und wenn (z.B. spätestens wenn die Kinder ins Vorschulalter kommen) eine 60%/60%-Aufteilung realisiert werden kann. Dann haben beide relevante Anteile in der Familie und trotzdem berufliche Teilzeitpensen, die auch im Berufsfeld noch ausreichend Präsenz und angemessene Einflussnahme ermöglichen.

Wichtige Webseiten für Väter:
www.vaeternetz.ch
www.vaetergewinnen.ch
www.avanti-papi.ch
www.vaetertag.ch

www.maenner.ch (Dachverband der Männer- und Väterorganisationen)

04/07, AS

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