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Prof. Dr. med. Thomas Linder ist Chefarzt der Klinik für Hals- , Nasen-, Ohren- und Gesichtschirurgie am Kantonsspital Luzern

Hörtests bei Neugeborenen

swissmom: Ein gesundes Kind zu bekommen ist der grösste Wunsch werdender Eltern. Sofort nach der Geburt werden verschiedene Untersuchungen vorgenommen, um eventuelle Krankheiten und Behinderungen des Neugeborenen zu diagnostizieren bzw. auszuschliessen. Eine sehr wichtige ist die Untersuchung des Gehörs, das sog. Hörscreening. Können Sie kurz erläutern, was darunter zu verstehen ist?

Prof. Dr. Linder: Wir wissen heute, dass bei 1 pro 1000 Geburten eine angeborene hochgradige Schwerhörigkeit vorliegt. Diese möchten wir möglichst in den ersten Lebenstagen erfassen, um frühzeitig (also vor dem Spracherwerb) therapeutische Schritte einzuleiten. Die Messung der sog. otoakustischen Emmissionen ermöglicht es, bereits ab dem 2. Lebenstag die Funktion der Haarzellen des Innenohres beim schlafenden Kind zu registrieren und bei fehlender Aktivität dieser Haarzellen weitere Abklärungen einzuleiten.

swissmom: Wird diese Untersuchung inzwischen routinemässig an allen Spitälern durchgeführt? 

Prof. Dr. Linder: Seit 1996 führen alle grossen Geburtskliniken ein allgemeines Hörscreening durch, und auch kleinere Spitäler schliessen sich vermehrt an. Bisher ist es freiwillig, bald sollte es aber als "Routineuntersuch“ umfassend angeboten werden.

swissmom: Falls die Eltern keinen Zugang zu dieser Untersuchung hatten, würden Sie ihnen raten, sofort nach der Entlassung aus dem Spital diesen Test durchführen zu lassen? Können sie sich dafür an ihren Kinderarzt wenden oder sollten sie einen HNO-Facharzt aufsuchen? Ist jeder Facharzt für die Untersuchung ganz kleiner Babys ausgestattet?

Prof. Dr. Linder: Ideal wäre es, wenn die Eltern noch vor der Geburt mit Ihrem Frauenarzt besprechen, ob die Klinik ein Hörscreening anbietet. Sollte dies nicht der Fall sein, so empfehle ich den Eltern, sich beim regionalen pädaudiologischen Zentrum (grössere HNO-Klinik) zu erkundigen, welcher HNO-Arzt in der Region diese Messung durchführen könnte. Ideal ist dann die Messung in den ersten Lebenswochen, jeweils kurz nach dem Stillen, wenn das Kind spontan eingeschlafen ist. Die Messung dauert nur wenige Minuten.

swissmom: Wie zuverlässig ist die Untersuchung, genügt ein einmaliger Test oder muss er nach einiger Zeit oder sogar häufiger wiederholt werden?

Prof. Dr. Linder: Wenn bei mindestens einem Ohr das Resultat normal ausfällt, ist das Screening bestanden. Da sich Hörstörungen selten auch erst im weiteren Verlauf ausbilden können, sind die normalen Kontrollen beim Kinderarzt weiterhin notwendig und die Beobachtungen der Mutter immer ernst zu nehmen!

swissmom: Angenommen, das Ergebnis deutet auf ein Hördefizit hin, was wäre der nächste Schritt?

Prof. Dr. Linder: Die Eltern werden sofort beraten, dass der Test bei beiden Ohren nicht bestanden wurde. Oft ist es ein Messfehler, so dass der Test am nächsten Tag nochmals wiederholt wird. Ist der Test zweimal auffällig, wird den Eltern geraten, sich beim nächsten kinderaudiologischen Zentrum (meist eine grössere HNO-Klinik) zu melden. Dort werden weitere Hörtestungen vorgenommen, um das Ausmass der möglichen Hörstörung genau diagnostizieren zu können.

swissmom: Wenn sich der Verdacht bestätigen sollte: Wie früh kann man heute mit einer Therapie der Schwerhörigkeit oder sogar Gehörlosigkeit beginnen? Wie ist diese aufgebaut?

Prof. Dr. Linder: Bei festgestellter hochgradiger Schwerhörigkeit werden die Eltern sowohl medizinisch beraten als auch psychologisch betreut. Denn die Diagnose ist meist erschütternd für die Eltern und viele Fragen kommen auf. Innerhalb des ersten Lebensjahres werden durch den Audiopädagogischen Dienst Hörgeräte beidseits angepasst und die Entwicklung des Kindes beim pädaudiologischen Zentrum durch wiederholte Testungen geprüft. Bestätigt sich eine Gehörlosigkeit, werden Röntgenuntersuchungen des Innenohres und des Hörnerven vorgenommen und ab einem Alter von 12 Monaten kann das Kind operiert werden. Dabei wird ein Cochlea-Implantat, also ein spezielles Hörsystem, in das Innenohr eingelegt und der Hörnerv direkt elektisch stimuliert. Das Kind hat mit entsprechender Rehabiliation und lautsprachlicher Schulung eine sehr gute Prognose, dass es sich später in die Regelschule integrieren lässt und seine Hörstörung wenig auffällt.

swissmom: Wie wichtig ist es für die Entwicklung des Kindes, dass ein Hördefizit möglichst früh festgestellt und mit einer Therapie begonnen wird?

Prof. Dr. Linder: Die Sprachentwicklung macht in den ersten 2-3 Lebensjahren die schnellsten Fortschritte. Es ist deshalb sehr wichtig, dass entsprechende Hilfsmittel (Hörgeräte oder das Cochleaimplantat) vor und während dem Spracherwerb eingesetzt werden und das Kind eine begleitende Schulung erhält. Daher ist der Zeitpunkt der Diagnose-Stellung ganz entscheidend.

swissmom: Gibt es bestimmte Einflüsse während der Schwangerschaft - z.B. Krankheiten oder Medikamente - die die gesunde Entwicklung des Gehörs beim Ungeborenen beeinträchtigen können?

Prof. Dr. Linder: Es gibt gesicherte Risiken für eine Hörstörung (z.B. Röteln oder Toxoplasomose der Mutter während der Schwangerschaft, Frühgeburt oder Untergewichtigkeit, ein zu hohes Bilirubin kurz nach der Geburt, etc. ) , die dem Frauenarzt und Neonatologen vertraut sind. Ist ein solches Risiko bekannt, so wird immer frühzeitig ein Hörscreening angeordnet. Die häufigsten Hörstörungen sind jedoch genetisch bedingt und gehen nicht mit Unregelmässigkeiten während der Schwangerschaft oder einer äusserlichen Missbildung einher. Diese Kinder sehen also „ganz normal aus“. Hier hilft das allgemeine Neugeborenen-Hörscreening, eine Schwerhörigkeit frühzeitig, also rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Für weitere Hinweise, insbesondere zum Cochleaimplantat, siehe auch unsere Homepage www.ksl.ch/hno.

Stand: 01/08, AG

 



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