Frau Kriyonas-Haus ist diplomierte Geburtsvorbereiterin BGB und Mitverantwortliche der Fachgruppe BirthCare® im Berufsverband für Gymnastik und Bewegung Schweiz. Sie ist Mutter von zwei Kindern, Dentalassistentin und führt in Zufikon (AG) ein eigenes Studio, wo sie Kurse im Bereich Familienwerdung gibt.

Der Weg zur einer bewussten und entspannten Geburt

swissmom: Können Sie uns kurz etwas zur Geschichte der Fachgruppe BirthCare® des Berufsverbandes für Gymnastik und Bewegung Schweiz erzählen? 

Nicole Kriyonas-Haus: Die Vorbereitung auf die Geburt hat in der Schweiz eine lange Tradition. Bereits 1942 gab es in Basel sowie in Zürich Kurse für Schwangere und Kurse in Rückbildungsgymnastik. 1954 bot die Fachgruppe „Körperschulung für die werdende Mutter“ zum ersten Mal eine Ausbildung in Geburtsvorbereitung an. Hervorgegangen ist diese Fachgruppe aus dem SBTG (Schweizerischer Berufsverband für Tanz und Gymnastik). Zur Ausbildung zugelassen wurden damals nur Gymnastiklehrerinnen mit einer dreijährigen Ausbildungszeit. Später wurde der Ausbildungslehrgang auch für Physiotherapeutinnen sowie Hebammen geöffnet und unter dem Namen SFG (Schweizerischer Fachverband für Geburtsvorbereitung) geführt und bis vor kurzem unter dem Namen SBG (Schweizerischer Berufsverband für Geburtsvorbereitung) weitergeführt. Die Ausbildung wurde den wandelnden Bedürfnissen und Qualitätsansprüchen fortwährend angepasst. Immer mit dem Ziel, kompetente Fachkräfte auszubilden.
Zu Beginn der Neunzigerjahre wurde ein ganz neues Ausbildungskonzept erarbeit und die Ausbildung steht heute auch Frauen aus anderen Berufsrichtungen offen (siehe Zulassungsbedingungen BirthCare® BGB). Seit dem Jahre 2006 ist der SBG im Berufsverband für Gymnastik und Bewegung integriert und die zweijährige berufsbegleitende Ausbildung wird neu unter dem Namen BirthCare® BGB durchgeführt.

swissmom: Kaum Schwanger, denken viele Frauen an einen Geburtsvorbereitungskurs. Wann ist der richtige Zeitpunkt sich anzumelden?

Nicole Kriyonas-Haus: Die Anmeldung hängt sehr von der Dauer des Kurses ab. Wir empfehlen den Frauen, sich ab der 20. Schwangerschaftswoche bei der Geburtsvorbereiterin zu melden, um dann den geeigneten Zeitpunkt herauszufinden. Idealerweise erstreckt sich der Kurs über 6 -12 Sitzungen à 1 ½ bis 2 Stunden. Es werden aber auch Block- und Wochenendkurse angeboten. Zudem gibt es Kurse, die zu Hause durchgeführt werden und somit auch für Schwangere geeignet sind, die das Bett nicht verlassen dürfen. In Kursen, die sehr kurz gestaltet werden,  kommt meist der Erfahrungswert zu kurz. Es wird hauptsächlich theoretisches Wissen vermittelt.

swissmom: Es gibt mittlerweile viele Kursrichtungen wie z.B. Bauchtanz, Yoga, Aquagymnastik, Haptonomie u.a.. Was wird in einem klassischen Geburtsvorbereitungkurs angeboten?

Nicole Kriyonas-Haus: Das stimmt….doch es macht das ganze Kursangebot ja auch interessant! Je nach Vorbildung der Geburtsvorbereiterin werden Schwerpunkte gesetzt. Aus diesem Angebot das Optimale herauszupicken, ist jedem werdenden Elternpaar selbst überlassen. Klassische oder traditionelle Geburtsvorbereitungskurse gehen besonders auf die Aspekte Atmung, Entspannung und Körperarbeit ein. Die richtige Atmung hilft, die Geburtsarbeit zu unterstützen. Die Frauen lernen, mit den schmerzhaften Kontraktionen zu atmen und sich zu öffnen. Dank bewusster Entspannung können Pausen zwischen den einzelnen Wehen intensiver genutzt werden, um neue Energie zu sammeln. Über die Körperarbeit lernen die Frauen ihren Körper kennen, ihn richtig einzuschätzen und ihm zu vertrauen. Die Kurse sollen in erster Linie die Fähigkeit fördern, loszulassen und dem Körper die Führung im Geburtsgeschehen zu übergeben. Natürlich fehlen auch theoretische Informationen zu Schwangerschaft, Geburtsverlauf und Wochenbett nicht. Viele Geburtsvorbereiterinnen lassen auch Raum und Zeit für Gespräche und Erfahrungsaustausch.

swissmom: Welche Aspekte sind in der Geburtsvorbereitung wichtig?

Nicole Kriyonas-Haus: Die Aspekte Entspannung, Körperarbeit, bewusste Atmung, die Kenntnis über den Geburtsablauf, das Gespräch miteinander und Vermittlung von Wissen sind wichtig. Aber wie schon gesagt, wird jede Geburtsvorbereiterin je nach Vorbildung ihre eigenen Schwerpunkte setzen. Darum stehen wir untereinander nicht in Konkurrenz, denn auch jede schwangere Frau setzt für sich wieder andere Prioritäten und wählt den Kurs – oder eben die Geburtsvorbereiterin – entsprechend aus.

swissmom: Ist es auch möglich, den Geburtsvorbereitungskurs z.B. mit einem Yoga Kurs zu kombinieren?

Nicole Kriyonas-Haus: Bei einer/m Kursleiterin/r mit einer fundierten Grundausbildung und zusätzlicher Weiterbildung für Schwangere habe ich keine Einwände.

swissmom: Erwartet man das zweite Kind, scheint ein Geburtsvorbereitungskurs überflüssig. Ist das wirklich so?

Nicole Kriyonas-Haus: Ich höre von vielen Frauen, dass sie das „Ganze“ ja schon mal erlebt haben und es nicht mehr für nötig empfinden, einen zweiten Kurs zu besuchen. Ich empfehle jedoch, in jeder Schwangerschaft einen Kurs zu besuchen. In der Geburtsvorbereitung geht es ja nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um die innerliche Vorbereitung auf das neue Leben. Sich Zeit nehmen für das Baby, das im Bauch heranwächst. Zeit, die meistens untergeht im gefüllten und manchmal hektischen Alltag mit Kindern und/oder Beruf. Es geht hier vor allem auch ums „Sicheinlassen“ und Bereitmachen auf die Geburt und das neue Familienmitglied. Mancherorts werden aber auch angepasste Kurse (für zweit- oder mehrgebärende Frauen) angeboten.

swissmom: Ein Geburtsvorbereitungkurs vermittelt gute Techniken zur aktiven und passiven Entspannung, können Sie uns etwas darüber erzählen?

Nicole Kriyonas-Haus: Der Unterschied zwischen aktiver und passiver Entspannung besteht darin, dass bei der passiven Entspannung immer eine Zweitperson anwesend ist, wie z.B. eine Therapeutin, Geburtsvorbereiterin, Hebamme oder der Partner! Diese Person führt dann sozusagen die Entspannung herbei, in dem sie am passiven (ruhigem) Körper entspannende Massnahmen ergreift. Dies wird im Kurs oft durch Partnermassage mit den Igelbällen oder mit den Händen durchgeführt. Viel wichtiger erscheint mir jedoch die aktive Entspannung. Mit dieser Technik erfahren wir eine selbst herbeigeführte Entspannung. Eine Entspannungsform, die wir überall und jederzeit anwenden können. Die Zeit der Schwangerschaft ist eine ideale Zeit, um sich diese anzueignen. Schwangere sollten so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig Medikamente zu sich nehmen. Ich rate meinen schwangeren Frauen bei Kopfschmerzen oder Migräne zuerst die Alternativmethode der aktiven Entspannung anzuwenden. Diese werden in den Geburtsvorbereitungskursen in verschiedenen Varianten erfahren. So haben die Frauen auch ein Instrument zur Verfügung, welches sie unter der Geburt selbstständig anwenden können.

swissmom: Manche Frauen haben grossen Respekt vor der Geburt, hilft dabei ein solcher Kurs?

Nicole Kriyonas-Haus: Auf jeden Fall!  Es gibt so viele Medien und Portale, Bücher und Zeitschriften, aus denen Informationen, Wissenswertes und Theorien herausgelesen werden können! Dies birgt auch immer die Gefahr, dass wir uns Ideale und Ziele stecken, die vielleicht nicht erreicht werden können. Eine ausgebildete Geburtsvorbereiterin (BirthCare® BGB Schweiz) ist bemüht den berechtigten Respekt vor der Geburt zu vermitteln, aber gleichzeitig das Vertrauen in die frauliche Gebärfähigkeit aufzubauen. Sie erkennt Ängste und kann dazu beitragen, diese bewusst zu machen und abzubauen. Bei pathologischen Problemen ermutigt sie die Frau, sich bei einer Fachperson Hilfe zu holen. Ich möchte nochmals betonen, ein wichtiges Ziel der Geburtsvorbereitungskurse ist es, das Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen und den Frauen und auch Partnern soviel Selbstvertrauen zu vermitteln, dass sie dem Geburtstermin zuversichtlich entgegenschauen können.

swissmom: Kann eine Frau mit vorzeitigen Wehen oder einer Risikoschwangerschaft auch einen Geburtsvoreitungskurs besuchen?

Nicole Kriyonas-Haus: Das müsste man von Fall zu Fall abklären. Wichtig ist dabei die offene Kommunikation zwischen der Geburtsvorbereiterin und der Kursteilnehmerin. Die Geburtsvorbereiterin muss unbedingt genau informiert werden über den Zustand und die Befindlichkeit der schwangeren Frau. Oft kann sie mit ihrem Wissen entscheiden, ob das Mitmachen in einer regulären Gruppe möglich ist. In diesem Fall wird sie selbstverständlich auf die Probleme der „Risikofrau“ eingehen, fachkompetente Anweisungen geben und entsprechende Massnahmen treffen. Ist die Situation schwierig zu beurteilen oder fühlt sich die Geburtsvorbereiterin persönlich unsicher, wird sie die Frau für genauere Abklärungen zuerst einer Fachperson schicken. Möglichkeiten bietet in solchen Fällen ja auch immer das Angebot von Privatstunden und - wie oben bereits erwähnt - sogar bei der Klientin zu Hause.

swissmom: Soll der Partner auch mal an einem Abend teilnehmen?

Nicole Kriyonas-Haus: Diese Frage greift eigentlich zu kurz und ich möchte da gerne etwas ausholen: Gehe ich  mal vom „wünschenswerten“ Rollenbild aus, dass Mutter und Vater in einer Paarbeziehung leben, hat der Vater  eine bedeutsame Rolle im Prozess der Familienwerdung. Sein aktives Interesse für die Schwangerschaft, seine moralische Unterstützung, seine Vorfreude auf das Kind und natürlich auch seine Begleitung während der Geburt und in den ersten Monaten danach kann für die Mutter eine wichtige Unterstützung sein. Und mehr noch: Wenn der Vater sich während Schwangerschaft, Geburt und der Zeit danach als wichtigen und unerlässlichen Teil erleben kann, dann wird er auch eine intensivere Beziehung zu seinem Kind aufbauen wollen. Wichtig ist jedoch, dass der Einbezug des Vaters behutsam, freiwillig und seinen emotionalen Möglichkeiten gemäss erfolgt. Heute haben viele Frauen den Anspruch, dass der Partner bei der Geburt dabei sein sollte! Ich spreche das Thema in meinen Kursen immer an und fordere zum Gespräch mit dem Partner auf. Schlussendlich ist es die Entscheidung des Paares! Unschlüssigkeiten oder ein Entscheid gegen die Begleitung zur Geburt sollten frühzeitig geklärt werden. Dies ermöglicht es der werdenden Mutter, eine andere Begleitperson zu suchen. Viele Paare empfinden es aber als schön, zusammen diesen Weg zu gehen und sich gemeinsam auf das grosse Ereignis und Abenteuer vorzubereiten. Weil wir die Anliegen und Wünsche der Väter sehr wichtig finden, ist die Fachgruppe BirthCare® BGB aktiv an einem Projekt mit der Fachorganisation Verein VäterNetz.ch beteiligt. Das Projekt beschäftigt sich mit der Väterthematik rund um die Geburtsvorbereitung.

swissmom: Viele Frauen haben nach der ersten Geburt eine leichte Senkung der Gebärmutter, haben sie dafür gute Tipps?

Nicole Kriyonas-Haus: Ich empfehle konsequent nach jeder Geburt (auch Kaiserschnittgeburt) einen Rückbildungskurs zu besuchen. Die Geburtsvorbereiterinnen BirthCare® BGB verfügen über eine fundierte Ausbildung, in der auch die Rückbildungsgymnastik integriert ist. In diesem Kurs geht es vor allem um die Stärkung der Beckenboden- und Bauchmuskulatur, aber auch um die der Stärkung des ganzen Halteapparates. Je nach Kursleiterin haben auch Entspannung, Gespräche und Erfahrungsaustausch Platz. Aus meiner langjährigen Erfahrung weiss ich auch, wie wichtig der Sozialkontakt mit anderen Frauen in der gleichen Situation ist. Es entstehen in den Rückbildungskursen oft Freundschaften, die weit über die gemeinsamen Kurszeiten hinausgehen und den Frauen später ein Netz für Austausch und gemeinsame Unternehmungen bietet. Ausserdem schätzen die meisten Frauen diese eine Stunde, die sie für sich alleine geniessen können.

swissmom: Wo finde ich einen geeigneten Kurs in meiner Nähe?

Unter www.geburt-bgb.ch findet sich sicher auch eine Kursleiterin mit dem geeigneten Kursangebot und –ort für Sie!

Kontakt: Nicole Kriyonas-Haus, Emausstrasse 2, 5621 Zufikon, Tel. 056 666'32'87, Natel 079 364'26'27, E-Mail: rundumdich@bluewin.ch, Webinfo: www.rundumdich.ch

12/06, AS

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