Frau Dr. Hebisch ist als Frauenärztin bei GynoSuisse, dem Gesundheitszentrum für die Frau, in Uster tätig. Vorher war sie Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe, Departement für Frauenheilkunde des Universitätsspital Zürich und hat sich dort schwerpunktmässig mit der Erkennung und Behandlung von Hochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft beschäftigt.
swissmom: Hoher Blutdruck in der Schwangerschaft - ist das immer ein schlechtes Zeichen?
Frau Dr. Hebisch: Eigentlich ist der Blutdruck in der Schwangerschaft eher tief, das merkt die Schwangere v.a. am Anfang oder in der Mitte der Schwangerschaft am leichten Schwindel, wenn sie aufsteht. Erhöhter Blutdruck, z.B. beim Arztbesuch, zeigt oft einfach nur, dass die Schwangere aufgeregt ist oder Angst hat vor schlechten Nachrichten (sog. Weisskittel-Hochdruck)! Nach Beruhigung oder der Information, dass alles gut ist, ist beim Nachmessen der Blutdruck wieder in Ordnung – dieser Hochdruck ist nicht gefährlich. Ebensowenig der nach schnellem Laufen oder Treppensteigen.
Ist der Blutdruck aber bereits vor der Schwangerschaft oder bis zur 20. Woche höher als normal, dann ist das Risiko für eine Gestose erhöht. Das gleiche gilt für Frauen, deren Blutdruck in der zweiten Schwangerschaftshälfte plötzlich stark ansteigt und beim Nachmessen hoch bleibt, auch ohne vorherige körperliche Belastung. Dann sind weitere Abklärungen unbedingt erforderlich.
swissmom: Kann man Anzeichen dafür auch selbst spüren, ohne den Blutdruck messen zu lassen?
Frau Dr. Hebisch: Oft spürt die Schwangere leider gar keine Beschwerden, obwohl sie hohen Blutdruck hat. Deshalb muss er auch bei jeder Schwangerschaftskontrolle gemessen werden. Wenn die Schwangere aber Kopfschmerzen hat, Farben vor den Augen oder doppelt sieht, aus unerklärlichen Gründen erbricht, unruhig ist oder starke Schmerzen im Oberbauch verspürt, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass ein hoher Blutdruck hinter diesen Symptomen steckt.
swissmom: Muss bei Eiweiss im Urin mit der Entwicklung einer Gestose (Präeklampsie) gerechnet werden? Oder gibt es diesen Befund auch bei ganz unkomplizierten Schwangerschaften?
Frau Dr. Hebisch: Wenn bei der Kontrolle Eiweiss im Urin festgestellt wird, dann sind verschiedene Ursachen möglich: Im einfachsten Fall handelt es sich um eine banale Erkältung – aber die zeigt sich durch Husten, Schnupfen und dergleichen mehr. Bei einer Harnwegsinfektion mit Beteiligung der Blasenschleimhaut, d.h. Verletzung der Oberfläche und kleinster Gefässe, wie auch bei einem Steinleiden, kann ebenfalls Eiweiss als Bestandteil des Blutes in den Urin gelangen. Auch eine vorbestehende Nierenerkrankung kann sich durch Eiweiss im Urin äussern. Vor allem aber wird Eiweiss im Urin bei diesen Gestosen gefunden.
Auf jeden Fall gehört Eiweiss nicht in den Urin – ein solcher Befund muss immer abgeklärt und eine Gestose ausgeschlossen werden!
swissmom: Welche Schwangeren sind mehr als andere Präeklampsie-gefährdet?
Frau Dr. Hebisch: Insgesamt sind nur 3-5% der Schwangeren von einer Gestose betroffen. Gefährdet sind ganz junge Schwangere (v.a. Teenager) oder Schwangere über 35 Jahre, aber auch Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft einen erhöhten Blutdruck oder eine Nierenerkrankung hatten. Ein besonders erhöhtes Risiko haben Frauen mit einer Gestose vor der 28. Woche in einer früheren Schwangerschaft oder mit betroffenen Verwandten in der mütterlichen Linie.
swissmom: Wie hoch ist das Risiko, dass sich bei einer nachfolgenden Schwangerschaft wieder eine Präeklampsie entwickelt? Und was kann man vorbeugend tun?
Frau Dr. Hebisch: Grundsätzlich kann man sagen: Bei Erstgebärenden, die sich komplett nach der Geburt erholen und bei der keine weiteren Zusatzrisiken bestehen, ist das Risiko nicht höher als bei Frauen, die keine Gestose vorher hatten, also zwischen 2 und 3%. Frauen mit schwerer Präeklampsie oder mit vorbestehenden Risiken, wie z.B. chronischem Bluthochdruck, haben ein Wiederholungsrisiko von bis zu 65%. Eine in diesen Fragen kundige Frauenärztin kann die Risiken abklären und die neue Schwangerschaft entsprechend engmaschig kontrollieren, damit mögliche Anzeichen für ein Wiederauftreten der Gestose frühzeitig erkannt werden können. Ein Grund, auf weitere Schwangerschaften zu verzichten, ist diese schwere Erkrankung in der Regel also nicht.
Vorbeugend helfen eine gesunde Lebensführung mit viel Schlaf und gesunder (fettarmer, eiweiss-, kalzium- und vitaminreicher) Ernährung und regelmässige Kontrollen bei einem Spezialisten, der evtl. Aspirin und Magnesium verordnet.
swissmom: Wie kann man sich über diese Erkrankung informieren? Gibt es Selbsthilfegruppen für Gestose-Frauen?
Frau Dr. Hebisch: Seit Frühjahr 2004 gibt es die Informationsbroschüre "Wenn Schwangerschaft krank macht", herausgegeben von "wir eltern". In dieser Broschüre sind die komplexen Zusammenhänge der Erkrankung sowie die Diskrepanz zwischen Wohlbefinden der Schwangeren und Schwere des Krankheitsbildes in einfachen Worten und sehr anschaulich erklärt. Interessierte erhalten sie gegen Einsendung eines an sich selbst andressierten und frankierten Briefumschlages (doppelte Postkartengrösse) von wir eltern, Eibenstr. 11, Postfach, 8045 Zürich.
In der Schweiz gibt es seit 2001 eine Selbsthilfegruppe. Ehemals Betroffene v.a. aus der Deutschschweiz treffen sich in mehr oder weniger regelmässigen Abständen zum persönlichen Austausch oder vermitteln Frauen, die gerade eine Gestose durchgemacht haben, mit anderen Frauen, die einmal ähnliches erlebt haben. Auch ärztlich begleitete Informationsveranstaltungen zum Thema HELLP-Syndrom und/oder Gestosen allgemein finden mit und für diese Gruppe statt. Neu im Angebot ist ein Kurs zur psychologischen Aufarbeitung des Erlebten unter professioneller Anleitung. Infos gibt es bei Frau Heidi Tobler, Birlig 6, 8718 Schänis, Tel. 055-615 28 19, per email oder auf der Homepage www.schwangerschaftsvergiftung.ch.
Stand: 07/04, BH
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