swissmom: Frau Birchler, woher kommt der Name Doula?
Michèle Birchler: Die Bezeichnung „Doula“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Dienerin der Frau“. Das Doula-Modell geht auf die beiden amerikanischen Ärzte und Wissenschafter Marshall H. Klaus und John Kennel zurück, die eine alte Tradition aufnahmen, bei der die gebärende Frau zusätzlich zur Hebamme von einer ihr vertrauten, geburtserfahrenen Frau begleitet wird. Sie beschreiben das ausführlich in ihrem Buch „Doula – Der neue Weg der Geburtsbegleitung“. In der Schweiz gibt es zur Zeit 28 professionell ausgebildete Doulas.
swissmom: Aber was sind genau Doulas?
Michèle Birchler: Doulas sind in erster Linie reife Frauen, die von Herzen gerne Frau sind. Das Wunder „Geburt“ berührt sie in ihrem Innersten und alles, was mit Schwangerschaft und Gebären zu tun hat, bereitet ihnen immer wieder eine Gänsehaut. Die Schweizer Doulas arbeiten, je nach Aus- und Weiterbildung, als Geburtsvorbereiterin/ Psychologin/ Yogalehrerin/ Mutter/ Pädagogin/ Atemtherapeutin/ Krankenschwester/ Craniosacral-Therapeutin/ Masseurin/ usw. Und sie bringen neben viel Lebenserfahrung vor allem auch Gebärerfahrung mit mindestens einer Geburt mit in ihren Beruf. Letztere ist eine der Grundvoraussetzungen zur Ausbildung als Doula Geburtsbegleiterin.
swissmom: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Doula zu werden?
Michèle Birchler: Bei den Geburten meiner Kinder habe ich das Glück gehabt, neben meinem einfühlsamen Mann jedes Mal auf wunderbare Hebammen und ein gutes Spitalteam zu treffen. Dennoch verspürte ich den Wunsch, eine vertraute weibliche Person an meiner Seite zu haben, die mir während der ganzen Geburt eine emotionale Stütze ist, und mit der ich auch nach der Geburt und von Frau zu Frau über dieses eindrückliche, kraftvolle Erlebnis reden kann. Da mich das Thema Geburt seit jeher fasziniert und ich glaube, anderen Frauen und ihren Partnern rund um die Geburt eine Stütze sein zu können, habe ich dann in St. Antoni die Ausbildung zur Doula absolviert.
swissmom: Wie sieht die Ausbildung zur Doula aus?
Michèle Birchler: Ausbildungsthemen sind neben den Grundkenntnissen über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillen auch Entspannungstechniken, Schmerzlinderung ohne Medikamente sowie das Führen von Vor- und Nachgesprächen. Ausbilderinnen sind Hebammen, Stillberaterinnen LLL, erfahrene Geburtsbegleiterinnen, bei uns war es auch eine Trauerbegleiterin. Sie lassen an ihren Erfahrungen teilhaben und geben so einen grossen Teil ihres Wissens mit. Wir waren ausserdem dazu angehalten, uns immer wieder selbst zu hinterfragen.
swissmom: Was unterscheidet die Doula von der Hebamme?
Michèle Birchler: Wie die Hebammen sind wir Doulas Fachfrauen für die Geburt, wenn auch ganz klar nicht auf der medizinischen Ebene. Wir kennen die physiologischen Abläufe der Geburt und haben diese selber erlebt. Mit unserer Arbeit spannen wir den Bogen von der Schwangerschaft über die Geburt bis ins Wochenbett. Wir wollen der Frau und ihrem Partner in dieser spannenden, oft verunsichernden Zeit emotionale und physische Unterstützung geben. Als Doula lernen wir die werdende Mutter (und ihren Partner) vor der Geburt in oft stundenlangen Gesprächen kennen und kommen MIT ihr/ ihnen an die Geburt. Während der Geburt sind wir „rund um die Uhr“ für die Gebärende da, oftmals auch „nur“ im Hintergrund. Wir ermutigen die Frau, auf ihr Bauchgefühl zu hören, ihre Wünsche einzubringen und sich dem Geburtsgeschehen gänzlich hinzugeben und bestärken sie dadurch in ihrem Vertrauen auf ihre ureigene weiblich Kraft. Jede Frau KANN gebären. Schön und wünschenswert ist es, wenn sie sich in diesem Prozess „getragen“ fühlen und ihr Kind in Geborgenheit zur Welt bringen kann. Wir sehen uns keineswegs als Konkurrenz sondern als Ergänzung zur Hebamme. Wir dürfen während der Geburt die zärtlichen Gesten übernehmen oder auch mal zusammen mit der Frau Tränen vergiessen, während von der Spitalhebamme Ruhe, Sicherheit, Kraft sowie eine gewisse gesunde Distanziertheit erwartet wird. Unser Ziel ist es, der Gebärenden durch unser Dasein emotionale Sicherheit zu vermitteln sowie mit dem werdenden Vater, den Hebammen und dem Spitalteam Hand in Hand zu arbeiten.
swissmom: Sie sprechen den werdenden Vater an. Wird dieser durch ihre Anwesenheit nicht in eine Statistenrolle gezwängt oder gar verdrängt?
Michèle Birchler: Gemäss meinen ganz persönlichen Erfahrungen fühlen sich die Männer durch die Anwesenheit der Doula eher entlastet als verdrängt. Sie können dank uns auch mal Ängste und Befürchtungen eingestehen, sei dies vor oder während der Geburt, sich auch für kurze Zeit zurückzuziehen, selber durchatmen und sich die Beine vertreten. Während sich die gebärende Frau ganz auf die Hebamme einlässt, können wir Doulas die Männer anleiten, ihnen Unterstützungsmöglichkeiten vorschlagen, medizinische Begriffe oder den momentanen Stand der Geburt erklären. Das ist eine wertvolle Stütze auch für den Partner, der durch die intensivere Betreuung seiner Frau oftmals sogar aktiver an der Geburt teilnehmen kann, weil er sich sicherer fühlt.
swissmom: Können die Frauen denn nicht einfach ihre Mutter oder beste Freundin mit an die Geburt nehmen?
Michèle Birchler: Natürlich. Früher war das doch auch so. Eine Schwangere muss sich heute, wo die Familienstrukturen sich so grundlegend verändert haben, jedoch sehr wohl bewusst machen, dass das Thema „Nähe-Distanz“ Probleme nach sich ziehen kann. Vor allem, wenn die eigene Mutter dabei ist. Wenn die beste Freundin mit kommt, steht dafür der Mann durch die innige Verbundenheit der beiden Frauen eher im Abseits.
swissmom: Eine provokative Frage: Ist die Doula allenfalls sogar besser als der eigene Partner?
Michèle Birchler: Nein, sicher nicht. Das Geburtserlebnis verbindet das Paar und auch den Vater mit den Kindern. Es ist aber auf jeden Fall anders, wenn Männer bei der Geburt dabei sind und am Geburtsgeschehen teilhaben. Und es gibt auch Frauen, die nicht wollen, dass ihr Partner sie im Wehenschmerz erlebt. (Anm. d. Red.: Ein interessanter Artikel von Julia Hofer zu diesem Thema ist in "annabelle" 06/04 erschienen. Sie können die pdf-Datei hier herunterladen).
swissmom: Wie sieht eine Geburtsbegleitung konkret aus? Und mit welchen Kosten müssen die werdenden Eltern/ Mütter rechnen?
Michèle Birchler: Vor der Geburt wird in zwei bis drei Gesprächen auf offene Fragen, Ängste und Vorstellungen in Bezug auf die bevorstehenden Ereignisse und Veränderungen im Leben eingegangen. Dadurch entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Paar/ der werdenden Mutter und der Doula. Während der Geburt ist die Doula über den Schichtwechsel hinaus für die Gebärende da. Dem Partner schafft die Doula Raum, die Geburt als eigene Erfahrung zu erleben und mit zu tragen. Nach der Geburt wird das Geburtserlebnis mit der Doula besprochen, was einen bewussteren Übergang in die neue Lebensphase ermöglichen kann. Die Doula steht, falls die Familie dies wünscht, bei Fragen und Unsicherheiten als Vertrauensperson zur Verfügung und vermittelt Adressen hilfreicher Kontaktstellen.
Eine Begleitung kostet das Paar rund 800 Franken. In dieser Pauschale sind inbegriffen: vier Gespräche (aufgeteilt in Vor- und Nachgespräche, je nach Bedürfnis), die kontinuierliche Begleitung während der Geburt, vier Wochen Pikettzeit (zwei Wochen vor bis zwei Wochen nach errechnetem Termin), Material-, Weg- und Telefonspesen (ausser bei besonders hohen Spesen/ weitem Weg). Falls ein Paar eine Teilbegleitung (z.B. „nur“ Gespräche vor oder nach der Geburt) oder zusätzliche Gespräche wünscht, so werden diese nach Anzahl Stunden verrechnet.
swissmom: Kann ich meine Doula in jedes Spital mitnehmen?
Michèle Birchler: Grundsätzlich entscheidet jede Frau selbst, wen sie zur Geburt mitnehmen will. Da ich für eine offene Kommunikation bin, bitte ich die Paare/ Frauen, die ich begleite, immer, mich als Doula anzumelden. Ab und zu kommt es vor, dass bei den Hebammen eines Spitals dann Skepsis herrscht. Ich hoffe sehr, dass sich das in zunehmendem Masse auflöst, wenn die Hebammen Gelegenheit bekommen, mit uns zusammenzuarbeiten. Wir begleiten übrigens auch Hausgeburten und Geburten in Geburtshäusern. Dies jedoch bis anhin seltener, da in Geburtshäusern bzw. durch Beleghebammen sowie freischaffende Hebammen die gewünschte „Eins-zu-eins-Betreuung“ gewährleistet ist.
swissmom: Wo bekommen interessierte Frauen/ Paare weitere Informationen?
Michèle Birchler: Auf der Site www.doula.ch oder direkt beim
Sekretariat Doula CH
Telefon 0844 789 123
Stand: 04/05, B.H.
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