Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Wie es zu einem gestörten Essverhalten kommt, wie Sie ein solches bei Ihrem Kind bemerken und wie Sie damit umgehen.

Nachdenliches Mädchen
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Normalerweise essen wir, weil wir Hunger haben. Bei einem gesunden Essverhalten nehmen wir so viel zu uns, bis wir satt sind und unser Körper bekommen hat, was er braucht. 

Was ist eine Essstörung und wie entsteht sie?


Bei Kindern und Jugendlichen mit dieser Verhaltensstörung ist das Verhältnis zum Essen oder zu ihrem Körper gestört. Sie essen kaum etwas, obwohl sie Hunger haben oder zu viel, obwohl sie schon satt sind.

Essstörungen betreffen häufig Jugendliche. In diesem Alter beginnt das Aussehehen eine immer grössere Rolle zu spielen und die Teenager merken, dass Sie ihr Gewicht und das Aussehen mit dem Essverhalten beeinflussen können. Die sozialen Medien haben das Körperbild von Kindern und Jugendlichen stark verändert. Oft wird der eigene Körper als nicht schön genug empfunden. Diese Unzufriedenheit ist ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung.

In den letzten Jahrzehnten ist das Alter beim Auftreten einer Essstörung zunehmend gesunken, weshalb sie bereits bei 10-Jährigen auftreten kann. In diesen Fällen sind häufig emotionale Probleme die Ursache dafür, dass ein Kind zu wenig oder zu viel isst. Waren vor einigen Jahren eher Mädchen von Essstörungen betroffen, erkranken heute auch immer mehr Jungen daran.

Den Beginn einer Essstörung zu erkennen, ist nicht einfach, denn meist wird sie erst wahrgenommen, wenn das Essverhalten sehr auffällig ist. Den Betroffenen selber ist nicht bewusst, dass ihr Verhalten extreme Formen angenommen hat.

Häufige Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen


Magersucht, Bulimie und Binge-Eating gehören zu den häufigsten Essstörungen im Kindes- und Jugendalter. Sie haben alle gemeinsam, dass das gestörte Essverhalten zwanghaft ist:

  • Bei der Magersucht, auch Anorexia nervosa genannt, wird krampfhaft versucht, das Körpergewicht zu reduzieren. Der Alltag ist bestimmt vom Gedanken über das Essen und die Kalorien, ausserdem treiben einige Betroffene sehr viel Sport, um zusätzlich Gewicht zu verlieren. Sie haben grosse Angst davor, zuzunehmen und ein so verzerrtes Körperbild, dass sie nicht wahrnehmen, dass sie stark untergewichtig sind. Diese Essstörung ist deshalb auch gut sichtbar. 

  • Bulimie (Bulimia nervosa) wird auch Ess-Brech-Sucht genannt. Die Betroffenen haben ein grosses Verlangen nach Essen und tun dies unkontrolliert. Danach führen sie Erbrechen herbei oder nehmen Abführmittel, weil sie sich sehr davor fürchten, aufgrund der Ess-Attacken zunehmen.

  • Binge-Eating ist eine Esssucht, die durch wiederholte Essanfälle gekennzeichnet ist. Betroffene verlieren die Kontrolle über das Essen und das Sättigungsgefühl. Viele schämen sie sich nach den Ess-Attacken und ekeln sich vor sich selber. Anders als bei der Bulimie wird das Essen nicht durch Erbrechen kompensiert und die Betroffenen sind häufig übergewichtig.

Eine Essstörung, die sich in den letzten Jahren immer häufiger zeigt, ist die Orthorexie (Orthorexia nervosa). Sie bezeichnet den Zwang, sich gesund zu ernähren. Betroffene meiden krampfhaft ungesunde Lebensmittel und haben Angst davor, zu erkranken, wenn sie etwas essen, von dem sie denken, dass es ungesund ist. Fachpersonen ordnen diese Krankheit der Anorexie zu, denn bei beiden Störungen essen die Betroffenen gewisse Lebensmittel nicht.

Es gibt ausserdem diverse weitere Essstörungen und unterschiedliche Formen von gestörtem Essverhalten bei Kindern und Jugendlichen. Oft ist dieses zwar auffällig, erfüllt jedoch nicht alle Kriterien für eine spezifische Essstörung.

Typisches Verhalten bei einer Essstörung


Wenn Sie bei Ihrem Kind folgende Anzeichen feststellen, sollten sie hellhörig werden:

  • Es isst sehr wenig und wenn, dann sehr langsam.

  • Es verzichtet auf die meisten Bestandteile einer energiereichen Ernährung und isst hauptsächlich Gemüse, Früchte und Salat.

  • Es erfindet Ausreden, um nicht am Familientisch essen zu müssen.

  • Es ist blass, müde, friert oft und sieht nicht gesund aus.

  • Es treibt übermässig viel Sport, isst aber nicht entsprechend.

  • Nach dem Essen benutzt es sehr häufig die Toilette.

Die Folgen von Essstörungen


Die Folgen einer Magersuchtserkrankung sind durch das niedrige Körpergewicht und die fehlenden Nährstoffe durch die reduzierte Nahrungsaufnahme erklärbar: Haarausfall, häufiges Frieren, Kreislaufprobleme mit Ohnmachtsanfällen, Ausbleiben des Zyklus und gestörte Fruchtbarkeit sowie psychische Veränderungen. In Extremfällen hungern sich an Magersucht Erkrankte zu Tode.

Durch das häufige Erbrechen bei Personen mit Bulimie entsteht ein grosser Verlust an Flüssigkeit und Mineralstoffen. Dies führt zu Kreislaufproblemen, Nierenschäden, Muskelkrämpfen und kann sogar tödlichen Herzrhythmusstörungen auslösen. Auch Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sind Folgen davon. Stark betroffen vom Erbrechen sind die Zähne, der Rachen und die Speiseröhre. Sie werden durch die Magensäure angegriffen und es kommt zu Zahnschäden, saurem Aufstossen und Magenbrennen.

Bei einer Binge-Eating-Störung können sich als Folge des Übergewichts folgende Krankheiten entwickeln: Herz- und Kreislaufprobleme, Diabetes mellitus und Gelenkbeschwerden.

Alle drei Erkrankungen sind auch mit grossem psychischem Leiden verbunden. Das Selbstwertgefühl ist oft sehr niedrig und der zwanghafte Gedanken an das Essen dominiert das Leben. Viele Betroffene sind aufgrund ihres gestörten Essverhaltens sozial isoliert.

Wie Sie mit einer Essstörung umgehen


Wenn Sie bei Ihrem Kind ein auffälliges Essverhalten feststellen oder einen starken Gewichtsverlust bemerken, sollten Sie es darauf ansprechen. Machen Sie ihm keine Verwürfe und versuchen Sie nicht, Ihr Kind mit Massnahmen zum Essen zu zwingen oder es daran zu hindern. Sagen Sie ihm, dass Sie sich sorgen und schlagen Sie ihm vor, gemeinsam den Kinderarzt oder eine Beratungsstelle aufzusuchen.

Versuchen Sie herauszufinden, warum Ihr Kind sich dieses Essverhalten angeeignet hat und fragen sie es, ob es sich damit gesund fühlt. Animieren Sie es, das eigene Körpergefühl zu beschreiben und erklären Sie ihm, wie es Ihnen geht, wenn Sie gesund sind.

Mit einem starken Selbstvertrauen erkennt Ihr Kind, dass sein Wesen wichtiger ist als das Aussehen. Unterstützen Sie es also darin zu entdecken, welche wundervollen Eigenschaften es hat.

Möglicherweise reagiert Ihr Kind mit Ablehnung. Lassen Sie sich bei einer Fachstelle beraten, wie Sie mit der Situation umgehen können und wie Sie Ihr Kind davon überzeugen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gerade bei einem sehr starken Gewichtsverlust ist es wichtig, nicht lange damit zu warten.

Behandlung von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen


Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Erkrankung. Neben dem Entwickeln einer gesunden und geregelten Mahlzeitenstruktur durch die Ernährungsberatung sind in vielen Fällen auch Fachpersonen aus dem medizinischen und psychologischen Bereich in die Behandlung involviert.

In gravierenden Fällen, zum Beispiel bei starkem Untergewicht, wenn die ambulante Therapie keine Besserung zeigt oder wenn der psychische Zustand schlecht ist, kann ein Klinikaufenthalt notwendig sein.

Aus der Forschung


Letzte Aktualisierung: 26.04.2024, KM